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  • Veröffentlicht am 1st Februar 2015,
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1.2.2015 – Omi besucht. Geweint.

In der Schweiz, in der Schweiz, in der Schweiz

  • Veröffentlicht am 30th Januar 2015,
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Schweizer Wintermärchen ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Dinge, die dir auffallen, wenn du ein paar Wochen in der Schweiz verbracht hast* :

Die Menschen grüssen sich freundlich. Wildfremde, auf der Strasse, einfach so. Nicht knurrend, nicht mit Wegsehen, sondern mit aufrecht in die Augen blicken und einem Lächeln zum lauten Grüezi. Auch die Kinder.

Die Hörnchen heissen hier Gipfeli und schmecken fabelhaft. Egal, bei welchem Bäcker erstanden. Überhaupt: Die Bäckereien. Sowas hatten wir hierzulande ja auch mal, bevor wir die Welt kampflos den Teiglingen aus China überliessen, die nur noch aufgebacken werden bevor sie im Bröchenknast der Discounter landen.

Die Autofahrer halten sich im Allgemeinen an die Verkehrsordnung, was entweder daran liegt, dass Schweizer genetisch bedingt in der Lage sind zu erkennen, dass 180 Sachen bei dichtem Eisregen auf Schneedecke keine kluge Idee sind, oder daran, dass die Strafgebühren („Bussen“) empfindlich hoch sind. Jedenfalls fährt es sich extrem entspannt Auto dort.

Nach der Rush-Hour ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

80 Rappen für ein Landei, 2 Franken für eine Kiwi sind normal.

Die Eier schmecken sensationell lecker und sind jeden Cent wert. (Die Kiwi habe ich links liegen gelassen.)

Auch Schafe haben Glocken um den Hals, nicht nur die Kühe. Und sie werden auch bei tiefem Schnee auf die Weide gelassen.

Schaf mit Glocke, ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Diesel ist – anders als bei uns – der teuerste Sprit (um 1,50 CHF/l). Viele Tankstellen haben keinerlei Mitarbeiter mehr sondern bestehen aus drei Zapfsäulen in der Pampa, an denen man mit Kreditkarte bezahlen kann, dafür halt auch nachts um drei.

Niemand ins nachts um drei unterwegs. In der gesamten Schweiz wird augenscheinlich um 18 Uhr der Bürgersteig hochgeklappt und der Mond mit der Stange weitergeschoben.

Die Post, die Bahn, der Postbus etc. funktioniert zuverlässig, ist pünktlich und extrem sauber. Postbusse fahren auch noch ins entlegenste Kaff hinter den sieben Bergen.

Es gibt kein Schwiizerdütsch. Es gibt Hunderte regional gefärbter Akzente dieser faszinierenden Sprache. Wie sich z.B. ein Engadiner und ein Berner verstehen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Regional geht vor kantonal geht vor Bund geht vor Rest der Welt. Gefühlt ist die Schweiz eine Ansammlung von kleinen, wohlbekannten gallischen Dörfern, was sie mir jedenfalls sehr sympathisch macht.

Die Schweiz will ihr süsses Heidiland-Image loswerden. Darum begeht sie seit Kriegsende eine unverzeihliche Bausünde nach der anderen und zerstört alles, was die Touristen an ihr so lieben. Lieblose, cocktailsaucenfarbene Betonschuhschachteln am Seeufer vor Bergpanorama, mit Gartenzwergen auf dem glasverkleideten Balkon? Check.

Fasnacht ist hier ein verdammt ernstes Thema.

Es gibt eine Debatte darum, wie unpatriotisch es ist, nunmehr – nach dem Kursverfall des Euro – sein Geld in Euroland zu lassen, statt regional zu kaufen. Wer bei einem kurzen Einkaufstrip über die Grenze 20-30% spart, plus noch die Mehrwertsteuer von 19% erstattet bekommt, wird nicht lange überlegen müssen. Patriotismus muss man sich auch in der Schweiz erst einmal leisten können und 10,50 Franken für Geschirrspültabs hat auch nicht jeder Schweizer übrig.

Die unauffälligste Kleinstadt, durch die man fährt ohne einen zweiten Gedanken oder Blick an sie zu verschwenden, beherbergt den Weltmarktführer in Branche X und bringt dem Kanton pro Jahr mehr Steuern ein, als Uli Hoeness hinterzogen zu haben zugibt.

Schweizer sind gerne früh im Büro, der Landstrassenstau ins Büro beginnt ab etwa halb sechs Uhr morgens und um 12 Uhr ist jeder für nichts etwas anderes mehr als das Mittagsmahl empfänglich und quasi unerreichbar. Die Schule scheint früh aus zu sein; ab halb 12 begegnen einem Horden von Kindern auf den Strassen, die nach Hause (zu Tisch) eilen. Es gibt natürlich eine Mittagspause in Geschäften am Ort. Schweizer sind irritiert, wenn man für Telefonterminvorschläge um 07:00 Uhr morgens nicht sonderlich empfänglich ist.

Schülerlotsen sind keine exotische PR-Nummer in der Woche des Schulanfangs für ABC-Schützen, sondern scheinen eine Selbstverständlichkeit zu sein.

Die Schokolade ist wirklich super, wenn man Milchschokolade in allen Varianten mag. Wem die allerdings zu süß ist, der findet kaum Alternativen. Die Lakritzversorgung ist sehr lückenhaft.

Gefühlt liegt hinter jedem Haus ein grösserer See.

Foto 2

Die Berge sind, nunja, Berge. So richtige, mit Schnee obendrauf, auch wenn man im Tal praktisch Gänseblümchen pflücken kann. Für Flachlandbewohner wie mich immer wieder unerwartet. Dafür liegt nicht mehr sehr viel brauchbarer Schnee im Januar und weniger als 1 Meter Schnee in den Skigebieten – im Januar! – scheint inzwischen normal zu sein (war in meiner Kindheit anders).

Die Schweizer Armee hat knallorange angemalte Düsenjets, die mit Karacho und viel Krach über die Dörfer sausen.

PET-Flaschen werden zusammengeknüllt und zum Recycling gebracht (Annahmecontainer gibt’s überall). Kein Pfand.

Es gibt eine Vielzahl öffentlicher Spielplätze mit Skateboardrampen, die eifrig genutzt werden.

Fazit: Ich mag die Schweiz, sehr sogar. Um dort leben zu wollen, gibt’s für meinen Geschmack zu wenig Meer und zu viele Berge. Aber die Leute sind unfassbar freundlich, ohne aufdringlich zu sein, und die Atmosphäre ist sehr angenehm. Eigentlich wie zuhause.

* Diese Beobachtungen gelten für die Zentralschweiz und der Gegend um den Genfer See, wobei dort das Grüezi durch ein Bonjour oder Bonsoir ersetzt wird und das Gipfeli durch ein Croissant.

Schluss mit Golf!

  • Veröffentlicht am 26th Januar 2015,
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Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

 Sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht: Golfmarketingdeppen (Symbolbild).

Kurze Durchsage an die Marketingspackonauten, die hier neuerdings fast im Minutentakt aufschlagen und mir Golf-PR-Artikel andrehen wollen, die ich „natürlich kostenlos“ für sie bloggen darf (gibt es etwas widerlicheres als PR-People? Vielleicht Pharmavertreter oder Zuhälter, aber ich bin nicht ganz sicher).

ICH SPIELE KEIN GOLF MEHR. Eure „Einladungen“ (Eigenanreise, ermässigtes Greenfee, 10€-Gutschein fürs Frühstück im Hotel, das 200+ EUR die Nacht kostet) zu Plätzen am Arsch der Heide wandern direkt in die Tonne.

HIER WIRD ES KEINEN GOLF-CONTENT MEHR GEBEN. Na gut, vielleicht ein wenig Hurrapatriotismus vorm Ryder-Cup. #GoTeamEurope

EURE PRODUKTE („Die beste App für den Score!“ – „Die hyperfunktionelle Trockensocke für 18 Löcher!“ – „Das interaktive Birdie-Buch fürs iPhone!“) HABEN MICH NOCH NIE INTERESSIERT, INTERESSIEREN MICH IMMER NOCH NICHT UND MEINE LESERSCHAFT VERDREHT DIE AUGEN BEI DEM SCHEISS. Zu Recht. Und Ihr wundert Euch, dass Golfer keiner Ernst nimmt? Geht arbeiten.

SPAMKOMMENTARE WERDEN MARKIERT UND GELÖSCHT. Ist ja schön, dass Ihr demnächst einen Onlineshop für Damengolfklamotten habt, aber das ist kein Grund, mir hier in die Kommentarspalten zu kotzen und auf einen Backlink zu hoffen. Noch mal so’n Versuch, und Ihr kriegt hier mehr Google Linkjuice als Ihr verkraften könnt, Peonia-dingsbums.com

Schönes Spiel!

Sturm

  • Veröffentlicht am 21st Januar 2015,
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Afghane, ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Der Herbststurm zieht pfeifend ums Haus, rüttelt an Türen und Fensterläden, kickt einen Blumentopf vom Gartentisch und benimmt sich ganz generell wie eine Horde betrunkener Jugendlicher.

Sie sitzt in ihre Kuscheldecke gewickelt auf dem Sofa, hält einen Becher mit heissem Tee in den Händen und balanciert ein Buch auf den Knien. Den Sturm nimmt sie nur sehr unscharf wahr, die Welt endet an den Rändern ihres Buches, jedenfalls aber jenseits des Sofas. Der Idylle fehlt nur noch das Ticken einer Standuhr, aber so ein Möbelstück gibt es nicht in diesem Haushalt. Nicht einmal einen Kamin. Immerhin schnarcht ein Hund neben dem Sofa.

Er zuckt im Schlaf mit den Pfoten und träumt von der Jagd nach Ginnie, der Bordercolliedame von nebenan, die vor zehn Jahren in sein Leben trat und die er in all der Zeit nur zweimal erwischt hat, einmal davon nur im Traum. Auch heute sieht es nicht danach aus als sei der dritte Erfolg nahe, doch das macht nichts.

In seinem Traum ist es Sommer, der Asphalt ist warm unter seinen Pfoten und der Duft der Teerosen unter dem Küchenfenster betäubt ihn fast. Er muss niesen. Die Hand seines Menschen fällt vom Sofa, tastet gedankenverloren nach seinem Ohr und krault ein wenig, bis sie oben wieder zum Umblättern gebraucht wird.

Seine Freundin hält an und dreht sich um. ‚Du fängst mich nicht, lass uns schwimmen gehen, ja?‘ Er macht einen Satz auf sie zu, etwas zu stürmisch, landet kürzer als geplant und hört gerade noch das Quietschen der Autoreifen, bevor es dunkel um ihn wird.

‚Komm‘, sagt eine Stimme. ‚Komm mit. Du kannst hier nicht bleiben.‘ Er rappelt sich auf und erschrickt, als er in seine Blutlache tritt. Warum klebt es nicht? Er dreht sich um, Ginnie weint neben ihm und scheint ihn dennoch nicht zu sehen. Nur ein weisser Afghane auf der anderen Strassenseite nickt ihm zu. ‚Komm wir müssen los!‘ Er trottet hinüber.

‚Bin ich tot?‘

Der Afghane nickt. ‚Sozusagen.‘

‚Sozusagen? Was heisst das? Ist das nicht eine ziemlich eindeutige Sache?‘

‚Nunja, schon. Doch. Ich war eine Sekunde zu früh, aber heute ist viel los, und – ‘ Weiter kommt der Afghane nicht.

‚Eine Sekunde? Das heisst, ich war noch gar nicht dran?‘ Er ist fassungslos. ‚Du bringst das in Ordnung! Jetzt! Sofort!‘

Der Afghane schaut, als ob ihn das alles nichts anginge.

‚Das ist nicht so einfach. Es haben dich zu viele Leute sterben gesehen, angefangen bei Ginnie. Ich kann nicht allen das Gedächtnis zurückspulen. Komm, stell’ dich nicht so an wegen der Sekunde.‘

‚Nein. Ich will noch nicht tot sein.‘

‚OK, das sind die magischen Worte. Meine Güte. Also gut, dann lauf zurück, mach’ die Augen zu und zähle rückwärts bis drei, das kannst du doch wohl? Ich mach’ den Rest. Aber kein Wort zu deiner Freundin.‘

Er tut wie ihm geheißen, springt erneut, hört das Reifenquietschen und landet noch einmal, dieses Mal direkt auf Ginnie. Beide jaulen laut auf, geben Fersengeld, ignorieren das Hupen hinter ihnen und sind wenig später am Fluss.

‚Das war knapp!‘ sagt Ginnie, atemlos, aber glücklich.

‚Ja.‘ Er sieht sie nicht an.

Sie planschen eine ganze Weile, bevor ihnen zu kalt wird. Schweigend liegen sie aneinander gekuschelt in der Nachmittagssonne, bis die Grillen zu zirpen beginnen und es Zeit für den Heimweg wird.

An der Gartenpforte verabschieden sie sich. ‚Bis morgen dann‘ sagt er.

‚Bis morgen dann‘ sagt sie leise. ‚Sag, hast du …‘

‚Hmm?‘ Er dreht sich um. ‚Was?‘

‚Nichts. Bis morgen.‘

***

Dies ist mein Beitrag zur Anthologie 1000 Tode schreiben, erschienen im Frohmann Verlag. Der Beitrag ist ein stark gekürzter Ausschnitt aus dem Drehbuch zu einer Graphic Novel, an der ich gerade arbeite; die Illustration ist allerdings nur eine Skizze und kein fertiges Panel. Mehr über das Projekt 1000 Tode schreiben findet sich hier, eine schöne Rezension gab es neulich in der Neuen Zürcher Zeitung, hier auch online abzurufen.

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