Schweizer Wintermärchen ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Dinge, die dir auffallen, wenn du ein paar Wochen in der Schweiz verbracht hast* :

Die Menschen grüssen sich freundlich. Wildfremde, auf der Strasse, einfach so. Nicht knurrend, nicht mit Wegsehen, sondern mit aufrecht in die Augen blicken und einem Lächeln zum lauten Grüezi. Auch die Kinder.

Die Hörnchen heissen hier Gipfeli und schmecken fabelhaft. Egal, bei welchem Bäcker erstanden. Überhaupt: Die Bäckereien. Sowas hatten wir hierzulande ja auch mal, bevor wir die Welt kampflos den Teiglingen aus China überliessen, die nur noch aufgebacken werden bevor sie im Bröchenknast der Discounter landen.

Die Autofahrer halten sich im Allgemeinen an die Verkehrsordnung, was entweder daran liegt, dass Schweizer genetisch bedingt in der Lage sind zu erkennen, dass 180 Sachen bei dichtem Eisregen auf Schneedecke keine kluge Idee sind, oder daran, dass die Strafgebühren („Bussen“) empfindlich hoch sind. Jedenfalls fährt es sich extrem entspannt Auto dort.

Nach der Rush-Hour ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

80 Rappen für ein Landei, 2 Franken für eine Kiwi sind normal.

Die Eier schmecken sensationell lecker und sind jeden Cent wert. (Die Kiwi habe ich links liegen gelassen.)

Auch Schafe haben Glocken um den Hals, nicht nur die Kühe. Und sie werden auch bei tiefem Schnee auf die Weide gelassen.

Schaf mit Glocke, ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Diesel ist – anders als bei uns – der teuerste Sprit (um 1,50 CHF/l). Viele Tankstellen haben keinerlei Mitarbeiter mehr sondern bestehen aus drei Zapfsäulen in der Pampa, an denen man mit Kreditkarte bezahlen kann, dafür halt auch nachts um drei.

Niemand ins nachts um drei unterwegs. In der gesamten Schweiz wird augenscheinlich um 18 Uhr der Bürgersteig hochgeklappt und der Mond mit der Stange weitergeschoben.

Die Post, die Bahn, der Postbus etc. funktioniert zuverlässig, ist pünktlich und extrem sauber. Postbusse fahren auch noch ins entlegenste Kaff hinter den sieben Bergen.

Es gibt kein Schwiizerdütsch. Es gibt Hunderte regional gefärbter Akzente dieser faszinierenden Sprache. Wie sich z.B. ein Engadiner und ein Berner verstehen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Regional geht vor kantonal geht vor Bund geht vor Rest der Welt. Gefühlt ist die Schweiz eine Ansammlung von kleinen, wohlbekannten gallischen Dörfern, was sie mir jedenfalls sehr sympathisch macht.

Die Schweiz will ihr süsses Heidiland-Image loswerden. Darum begeht sie seit Kriegsende eine unverzeihliche Bausünde nach der anderen und zerstört alles, was die Touristen an ihr so lieben. Lieblose, cocktailsaucenfarbene Betonschuhschachteln am Seeufer vor Bergpanorama, mit Gartenzwergen auf dem glasverkleideten Balkon? Check.

Fasnacht ist hier ein verdammt ernstes Thema.

Es gibt eine Debatte darum, wie unpatriotisch es ist, nunmehr – nach dem Kursverfall des Euro – sein Geld in Euroland zu lassen, statt regional zu kaufen. Wer bei einem kurzen Einkaufstrip über die Grenze 20-30% spart, plus noch die Mehrwertsteuer von 19% erstattet bekommt, wird nicht lange überlegen müssen. Patriotismus muss man sich auch in der Schweiz erst einmal leisten können und 10,50 Franken für Geschirrspültabs hat auch nicht jeder Schweizer übrig.

Die unauffälligste Kleinstadt, durch die man fährt ohne einen zweiten Gedanken oder Blick an sie zu verschwenden, beherbergt den Weltmarktführer in Branche X und bringt dem Kanton pro Jahr mehr Steuern ein, als Uli Hoeness hinterzogen zu haben zugibt.

Schweizer sind gerne früh im Büro, der Landstrassenstau ins Büro beginnt ab etwa halb sechs Uhr morgens und um 12 Uhr ist jeder für nichts etwas anderes mehr als das Mittagsmahl empfänglich und quasi unerreichbar. Die Schule scheint früh aus zu sein; ab halb 12 begegnen einem Horden von Kindern auf den Strassen, die nach Hause (zu Tisch) eilen. Es gibt natürlich eine Mittagspause in Geschäften am Ort. Schweizer sind irritiert, wenn man für Telefonterminvorschläge um 07:00 Uhr morgens nicht sonderlich empfänglich ist.

Schülerlotsen sind keine exotische PR-Nummer in der Woche des Schulanfangs für ABC-Schützen, sondern scheinen eine Selbstverständlichkeit zu sein.

Die Schokolade ist wirklich super, wenn man Milchschokolade in allen Varianten mag. Wem die allerdings zu süß ist, der findet kaum Alternativen. Die Lakritzversorgung ist sehr lückenhaft.

Gefühlt liegt hinter jedem Haus ein grösserer See.

Foto 2

Die Berge sind, nunja, Berge. So richtige, mit Schnee obendrauf, auch wenn man im Tal praktisch Gänseblümchen pflücken kann. Für Flachlandbewohner wie mich immer wieder unerwartet. Dafür liegt nicht mehr sehr viel brauchbarer Schnee im Januar und weniger als 1 Meter Schnee in den Skigebieten – im Januar! – scheint inzwischen normal zu sein (war in meiner Kindheit anders).

Die Schweizer Armee hat knallorange angemalte Düsenjets, die mit Karacho und viel Krach über die Dörfer sausen.

PET-Flaschen werden zusammengeknüllt und zum Recycling gebracht (Annahmecontainer gibt’s überall). Kein Pfand.

Es gibt eine Vielzahl öffentlicher Spielplätze mit Skateboardrampen, die eifrig genutzt werden.

Fazit: Ich mag die Schweiz, sehr sogar. Um dort leben zu wollen, gibt’s für meinen Geschmack zu wenig Meer und zu viele Berge. Aber die Leute sind unfassbar freundlich, ohne aufdringlich zu sein, und die Atmosphäre ist sehr angenehm. Eigentlich wie zuhause.

* Diese Beobachtungen gelten für die Zentralschweiz und der Gegend um den Genfer See, wobei dort das Grüezi durch ein Bonjour oder Bonsoir ersetzt wird und das Gipfeli durch ein Croissant.

Dieser Artikel hat 15 Kommentare

  1. Den Schnee hast Du ganz knapp verpasst, seit gestern ist es am hinlegen und hört nicht mehr auf damit. Die Erwachsenen hassen ihn und die Kinder lieben ihn!

  2. Soweit alles richtig, aber ein Kuriosum fehlt noch im Zusammenhang mit der zivilisierten Fahrweise. Diese lässt im Bereich von Zebrastreifen nämlich messbar nach. Die Schweiz hat ein erstzunehmendes Problem mit Unfällen in diesem Bereich.Wahrscheinlich steht das im Zusammenhang damit, dass diese besonderen Fussgängerüberwege nicht wie in allen anderen Ländern zusätzlich beleuchtet und in Szene gesetzt werden. Interessant daran ist aber vor allem, wie die Schweizer Öffentlichkeit damit umgeht. Wenn es wieder zu einer Häufung von Unfällen auf Zebrastreifen kommt, dann diskutiert man öffentlich nicht etwa über Maßnahmen, um den Zebrastreifen für Fußgänger sicherer zu machen, sondern darüber, den Zebrastreifen gleich ganz abzuschaffen.

    Ich habe die Diskussion jetzt längere Zeit nicht verfolgt. Falls die Zebrastreifen in der Schweiz inzwischen abgeschafft wurden, dann bitte diesen Kommentar nicht zur Kenntnis nehmen.

    • Nun, Zebrastreifen habe ich jede Menge gesehen, und zwar an den strategischen Stellen mit Schülerlotsen besetzt. Das würde natürlich dieses Phänomen erklären.

  3. Interessanter Blick von aussen auf mein Umfeld, auch wenn der Blick auf unser Land bei längerem Aufenthalt seinen Stich ins Rosa etwas verlieren würde. Dieser spezielle Farbfilter wirkt ja meist bei Kurzbesuchen in fremden Gegenden. Es lebt recht gut hier, wer die hohen Preise verkraften kann, aber die Enge hat nicht nur mit den Bergen und der Abwesenheit der Meere zu tun, empfehle Friedrich Dürrenmatt: „Die Schweiz als Gefängnis“, u.a. auf Youtube zu hören. Der häufige Gang ins nichtschweizerische Europalohnt sich deshalb nicht nur wegen des schwachen Euro.

    • Die Enge in den Köpfen ist natürlich nicht wegzudiskutieren, sie ist mir in der Zentralschweiz etwas mehr präsent als Am Genfer See, wo das Publikum vielleicht doch etwas internationaler ist. Aber diese Enge gibt es auch in anderen Ländern, gerade auch sehr bei uns in Deutschland, in Kleinstädten, Dörfern, Stadtteilen und Kommunen, man lebt ständig auf dem Präsentierteller und jeder Schritt wird beobachtet.

      Ich will die Schweiz keineswegs rosa anmalen, aber es ist schon auffällig, wie viele gesellschaftliche und soziale Errungenschaften dort auch bei uns noch vor wenigen Jahrzehnten selbstverständlich waren und ohne Not weggeworfen wurden, damit sich einige wenige extrem bereichern konnten. Das muss man sich leisten können, klar, und die Ausgangsbedingungen dort sind komplett andere als bei uns in Deutschland, aber insgesamt finde ich die Konzentration auf das nächste Umfeld nicht schlecht. Sie beinhaltet, Verantwortung zu übernehmen und sich eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren.Man verlässt sich eben nicht auf „die in Berlin“ oder „die in Brüssel“.

  4. Ja, die Schweiz mag ich auch. Aber das Grüß-Ding ist doch eher ein Landphänomen, oder? Ob ich am Weserdeich spazieren gehe oder am Kaiserstuhl, ein „Moin“ bzw, „Grüß Gott“ ist da auch Reflex. Und in Zürich oder Bern in der Fußgängerzone ist das Grüßen ja genau so die Ausnahme wie in Hamburg.

    Die Geschwindigkeitsdisziplin liegt übrigens nicht nur an den vernünftig hohen Bußgeldern, die tatsächlich weh tun, sondern auch an der Effizienz, wie sie eingetrieben werden. Man wird geblitzt – und gleich einen Kilometer weiter rausgewinkt. Und da wird dann vor Ort kassiert, Credit-Cards welcome. Und wer nicht zahlt, fährt auch nicht weiter (wobei das natürlich auch so ein Touristending sein kann, Fluchtgefahr oder so).

    • Naja, klar, am Jungfernstieg grüsse ich auch nicht jeden Passanten, man käme ja zu nix mehr. Aber in meiner kleinen Nebenstrasse im beschaulichen Winterhude, da kann ich doch erwarten dass der Nachbar aus zwei Häusern weiter oder der Schrebergärtner am Ende der Strasse zurück grüsst, wenn wir allein auf der Strasse sind, oder?

      • Klar. Das hab ich hier im ebenso beschaulichen Hoheluft-West aber auch.

      • Da fällt mir einer meiner Onkel ein, der uns vor langer Zeit einmal besuchte. Der hat sein Dorf normalerweise nicht verlassen und war in der großen Stadt dann ein wenig überfordert. Er versuchte wirklich, in der Fußgängerzone alle Leute zu grüßen. Zuerst war er frustriert, weil er das nicht bei allen geschafft hat, später noch mehr, weil die Leute nicht zurückgegrüßt, sondern ihn nur blöd angeschaut haben. Lauter unfreundliche Leute.

        Erstaunlicherweise war ihm die Stadt zu langsam. Ständig muss man warten. An der Ampel, in der Schlange vor einer Kasse, am Eingang eines Kaufhauses, selbst auf der Rolltreppe muss man warten, bis man oben ist. Er war der Meinung, dass die Stadtmenschen die meiste Zeit nichts tun.

        Das war nichts für ihn.

  5. Selbstverständlich werden wir alles daran setzen, die Lakritzversorgung so zeitnah wie möglich zu optimieren. Das geht ja sonst ganz und gar nicht.

  6. […] In der Schweiz, in der Schweiz, in der Schweiz Kiki hatte in der Schweiz zu tun und sie schreibt so wunderbar darüber, dass man die ganze Zeit Hachen und den Jahresurlaub dorthin verlegen möchte. […]