Afghane, ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Der Herbststurm zieht pfeifend ums Haus, rüttelt an Türen und Fensterläden, kickt einen Blumentopf vom Gartentisch und benimmt sich ganz generell wie eine Horde betrunkener Jugendlicher.

Sie sitzt in ihre Kuscheldecke gewickelt auf dem Sofa, hält einen Becher mit heissem Tee in den Händen und balanciert ein Buch auf den Knien. Den Sturm nimmt sie nur sehr unscharf wahr, die Welt endet an den Rändern ihres Buches, jedenfalls aber jenseits des Sofas. Der Idylle fehlt nur noch das Ticken einer Standuhr, aber so ein Möbelstück gibt es nicht in diesem Haushalt. Nicht einmal einen Kamin. Immerhin schnarcht ein Hund neben dem Sofa.

Er zuckt im Schlaf mit den Pfoten und träumt von der Jagd nach Ginnie, der Bordercolliedame von nebenan, die vor zehn Jahren in sein Leben trat und die er in all der Zeit nur zweimal erwischt hat, einmal davon nur im Traum. Auch heute sieht es nicht danach aus als sei der dritte Erfolg nahe, doch das macht nichts.

In seinem Traum ist es Sommer, der Asphalt ist warm unter seinen Pfoten und der Duft der Teerosen unter dem Küchenfenster betäubt ihn fast. Er muss niesen. Die Hand seines Menschen fällt vom Sofa, tastet gedankenverloren nach seinem Ohr und krault ein wenig, bis sie oben wieder zum Umblättern gebraucht wird.

Seine Freundin hält an und dreht sich um. ‚Du fängst mich nicht, lass uns schwimmen gehen, ja?‘ Er macht einen Satz auf sie zu, etwas zu stürmisch, landet kürzer als geplant und hört gerade noch das Quietschen der Autoreifen, bevor es dunkel um ihn wird.

‚Komm‘, sagt eine Stimme. ‚Komm mit. Du kannst hier nicht bleiben.‘ Er rappelt sich auf und erschrickt, als er in seine Blutlache tritt. Warum klebt es nicht? Er dreht sich um, Ginnie weint neben ihm und scheint ihn dennoch nicht zu sehen. Nur ein weisser Afghane auf der anderen Strassenseite nickt ihm zu. ‚Komm wir müssen los!‘ Er trottet hinüber.

‚Bin ich tot?‘

Der Afghane nickt. ‚Sozusagen.‘

‚Sozusagen? Was heisst das? Ist das nicht eine ziemlich eindeutige Sache?‘

‚Nunja, schon. Doch. Ich war eine Sekunde zu früh, aber heute ist viel los, und – ‘ Weiter kommt der Afghane nicht.

‚Eine Sekunde? Das heisst, ich war noch gar nicht dran?‘ Er ist fassungslos. ‚Du bringst das in Ordnung! Jetzt! Sofort!‘

Der Afghane schaut, als ob ihn das alles nichts anginge.

‚Das ist nicht so einfach. Es haben dich zu viele Leute sterben gesehen, angefangen bei Ginnie. Ich kann nicht allen das Gedächtnis zurückspulen. Komm, stell’ dich nicht so an wegen der Sekunde.‘

‚Nein. Ich will noch nicht tot sein.‘

‚OK, das sind die magischen Worte. Meine Güte. Also gut, dann lauf zurück, mach’ die Augen zu und zähle rückwärts bis drei, das kannst du doch wohl? Ich mach’ den Rest. Aber kein Wort zu deiner Freundin.‘

Er tut wie ihm geheißen, springt erneut, hört das Reifenquietschen und landet noch einmal, dieses Mal direkt auf Ginnie. Beide jaulen laut auf, geben Fersengeld, ignorieren das Hupen hinter ihnen und sind wenig später am Fluss.

‚Das war knapp!‘ sagt Ginnie, atemlos, aber glücklich.

‚Ja.‘ Er sieht sie nicht an.

Sie planschen eine ganze Weile, bevor ihnen zu kalt wird. Schweigend liegen sie aneinander gekuschelt in der Nachmittagssonne, bis die Grillen zu zirpen beginnen und es Zeit für den Heimweg wird.

An der Gartenpforte verabschieden sie sich. ‚Bis morgen dann‘ sagt er.

‚Bis morgen dann‘ sagt sie leise. ‚Sag, hast du …‘

‚Hmm?‘ Er dreht sich um. ‚Was?‘

‚Nichts. Bis morgen.‘

***

Dies ist mein Beitrag zur Anthologie 1000 Tode schreiben, erschienen im Frohmann Verlag. Der Beitrag ist ein stark gekürzter Ausschnitt aus dem Drehbuch zu einer Graphic Novel, an der ich gerade arbeite; die Illustration ist allerdings nur eine Skizze und kein fertiges Panel. Mehr über das Projekt 1000 Tode schreiben findet sich hier, eine schöne Rezension gab es neulich in der Neuen Zürcher Zeitung, hier auch online abzurufen.

Dieser Artikel hat 3 Kommentare

  1. Du solltest Drehbücher schreiben. Oder Kurzfilme drehen. Kopfkino.

  2. Toll, aber: der Afghane des Todes? Ich hatte ja mit einem Pudel gerechnet.