Verschwörungstheorien sind ja das A und O im Netz, manche sagen, es wurde überhaupt nur dafür erfunden. (Nun, dafür und für Katzenbilder.) Normalerweise liest man drüber weg, schmunzelt kurz oder seufzt beklommen, letzteres in der Regel bei den von fefe publizierten. Man denkt bei besonders bekloppten Exemplaren etwas länger drauf herum, aber wirklich ernst nimmt man sie nicht, es sei denn, man ist Schriftstellerin, Drehbuchautor oder Comiczeichnerin. Oh. 

Der Sony Hack beinhaltet alle Ingredenzien für eine saftige Verschwörungstheorie, die nun schon seit Tagen immer mal wieder in mir hochblubbert: Ein virtueller Einbruch im bestgehassten Konzern Hollywoods mit einer Beute epischen Ausmasses und extremer Saftigkeit – sowohl für den Wettbewerb der Branche, als auch für das nach Promi-Neuigkeiten lechzende Publikum und seine Dealer, die Unterhaltungspresse. Skrupellose Täter, die den „Firesale“ (everything must go) durchziehen und ihre Beute gnadenlos veröffentlichen. Milliardenschaden. Spuren, die zu einer feindlichen, ausländischen Macht führen. Ein Film, der, nur Tage vor seiner Premiere, nach Bombendrohungen gegen Kinos zurückgezogen wird. Ein politischer Rechtsaussen, der von einem Act of War spricht (und damit säbelrasselnd den NATO-Bündnisfall heraufbeschwört). Kein Drehbuchschreiber hätte es sich besser ausdenken können.

Cui bono? Wer profitiert am meisten von diesem ganzen Schlamassel? Wer kann dahinterstecken? Das frage ich mich seit Tagen, und komme zu einer einleuchtenden Antwort. Also, mir leuchtet sie jedenfalls ein.

Möglichkeit A: Ein vergrätzter (ehemaliger?) Angestellter aus der IT-Abteilung. Nur einer, nicht mehrere, denn wer setzt sich freiwillig bei solch einem Coup Mitwisser in den Pelz? Sonys IT-Abteilung soll dem Vernehmen nach eine Schlangengrube sein und die Stimmung dort seit jeher unter Null liegen. Dagegen spricht, man kann es nicht anders sagen, die bislang demonstrierte Inkompetenz jener Abteilung. Ein Hack jagt seit Jahren den anderen, und die Nichtsicherung der internen Daten, der laxe Umgang mit Passwörtern und Zugängen wie er in den letzten Tagen offenbar wurde, das lässt mich nicht gerade mit dem Eindruck zurück, dass dort „einmal mit Profis“ gearbeitet wurde, wie es so schön heisst.

Möglichkeit B: Ein von einem Wettbewerber (Newscorp/Fox, Time Warner, Disney, Viacom/Paramount, NBC Universal) angeheuertes Hackerteam, dass Sony versenken oder zumindest schwer angeschlagen sehen will und in dem Zug gleich mal Einblick in die Konzernzahlen kriegt. Sehr unwahrscheinliche Lösung, da alle mehr oder weniger dieselben Budgets und Methoden haben und es mit Sicherheit einen Nichtangriffspakt nach Art der fünf Familien in „Der Pate“ (Paramount) gibt. Das können wir gleich mal streichen, zumal das auch bei diesen Konzernen garantiert ähnlich aussieht mit der IT-Professionalität, keiner die Erpressbarkeit durch eingekaufte Profis riskieren würde und die Geschäftsführung der anderen Studios mit Sicherheit die Hosen voll hat, dass ihr Laden der nächste ist (oder aber den Göttern dankt, dass es diesmal nicht sie erwischt hat).

Möglichkeit C: Anonymous, bzw. ein Team aus irgendwelchen jugendlichen Hackern mit Spaß an der Freud’, die vielleicht nicht wirklich professionell sind, aber immerhin professioneller als Sonys IT-Abteilung, die ja, wie wir inzwischen gesehen haben, die Latte in Fragen der Professionalität nicht sonderlich hoch gelegt hat. Dann dürften diesen Kids jetzt ordentlich die Muffe gehen, denn das FBI, die NSA und noch ein paar andere Buchstabenkürzelclubs der Regierung mag zwar zuletzt selbst ein paar Male zu oft mit heruntergelassenen Hosen ins Rampenlicht geschubst worden sein, dürfte die Bande jedoch recht bald fassen und ein Exempel statuieren. Nicht völlig abwegig und meine zweitliebste Lösung.

Möglichkeit D: Nordkorea, bzw. ein im Auftrag Nordkoreas angeheuertes Team von Hackern. Diese Möglichkeit schliesse ich aus, denn zum einen unterstelle ich einfach mal, dass die notwendigen Fähigkeiten inhouse (bzw. incountry) nicht vorhanden sind und zum anderen die finanziellen Mittel fehlen. Wie hoch müsste der Preis sein, um sein Leben für diese Nummer zu riskieren? Die US-Regierung wird Spionage für eine ausländische, feindlich gesonnene Macht nicht goutieren (siehe Möglichkeit C). Nicht zuletzt dürfte es auch an der Motivation mangeln. Der fragliche Film mag inhaltlich eine Provokation Nordkoreas (und damit reichlich dumm) sein, aber erfahrungsgemäss rasseln die dortigen Dikatatoren nur etwas mit dem Atomwaffensäbel. Ein whodunit dieser Art wäre ihnen wahrscheinlich zu aufwändig und zu subtil, obwohl sie sich garantiert über den PR-Nebeneffekt freuen und sich insgeheim geschmeichelt fühlen dürften.

Und damit kommen wir zu meiner präferierten Möglichkeit E: Es war die NSA (im Regierungsauftrag oder aber – wahrscheinlicher – gesponsort von den Republikanern und im Zusammenspiel mit anderen Buchstabenclubs). Aber warum?
Erstens haben sie unzweifelhaft die technischen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Zweitens lenken die geleakten Dokumente über Angelina Jolie, George Clooney oder den neuen Bond perfekt ab von den politischen Leaks Edward Snowdons, den Rassenskandalen und anderen polizeilichen und Regierungspeinlichkeiten du jour. Gerade vor Weihnachten möchte man doch lieber über Hochglanzdramen lesen als über diese unappetitliche Folteraffäre.
Drittens können sie es relativ ungestraft Nordkorea unterjubeln. Viertens können sie ihr Budget erhöhen lassen („seht her, der Krieg des 21. Jahrhunderts findet im Computer statt! Niemand ist sicher!“). Fünftens können sie das Terrorbudget für alle anderen Kollegen erhöhen und die nach Ferguson infrage gestellte Ausstattung der Polizeistationen mit schweren Kriegswaffen rechtfertigen („seht her, jetzt wollen sie unsere Kinos bombardieren! Wir brauchen mehr Panzerwagen für unsere Dorfsheriffs!“).
Sechstens bieten sie endlich mal wieder die Steilvorlage für einen neuen Krieg mit den verdammten Kommunisten, da weiss man doch, was man hat, die blöden Turbanträger und diese Religionsfragen sind zu kompliziert, aber Russen und Nordkoreaner als Feindbild, das ist gelernt, das ist dem Wähler nicht schwer vermittelbar, das ist eine erfrischende Abwechslung zu Osama, Saddam, Taliban und ISIS.

James Bond, übernehmen Sie!

Dieser Artikel hat 4 Kommentare

  1. Großartig.

    Trotzdem nehme ich eher Möglichkeit A, denn die unterirdische Gesamtkompetenz einer IT-Abteilung bedeutet ja nicht automatisch, dass da nur Idioten arbeiten. Und der eine brillante Securityspezialist hat vielleicht jahrelang intern versucht, auf die Probleme aufmerksam zu machen, ist dadurch aber nur auf die Querulantenliste gekommen. Als er dann frustriert ging, hat er bequem alles rausgetragen, denn er wusste ja, dass niemand hinschaut.

  2. Das ist natürlich möglich, aber ich denke mal, der hätte es dabei belassen zu drohen, vielleicht sogar, sich zu den Leaks hinreissen zu lassen, aber die Bombendrohung gegen die Kinos ist dann doch wieder eine ganz andere Hausnummer. Das eine sind Daten und Gossip, die die Bevölkerung nicht interessieren oder höchstens amüsieren und nur der Firma und ihren Angestellten schaden. Etwas anderes ist es, Angst und Schrecken in der Gesamtbevölkerung zu verbreiten, gerade wenn man an den Amokläufer zum Start des letzten Batmanfilms denkt. Das hat eine andere Qualität und passt imho nicht ins Profil eines vergnatzten Angestellten mit Hass auf die Firma.
    Aber es sind natürlich Mischformen und Trittbrettfahrer möglich, klar. Oder Sony hat die Bombendrohung erfunden um die Kosten über die Versicherung wieder reinzuholen. Alles ist möglich. Dies ist das Internet!

  3. […] Der Film „The Interview“ wäre vollkommen an mir vorübergegangen, hätte er nicht erneute diplomatische Turbulenzen zwischen den USA und Nordkorea verursacht. Kiki stellte eigene Verschwörungstheorien zum „Sony Hack“ auf. […]