Anlässlich gleich zweier aberwitziger Aufreger, die in der vergangenen Woche das Netz bewegten – #Taschengate und #Shirtgate – hatte ich kurz überlegt hier eine neue Serie  #GatederWoche zu starten, damit man mal den Überblick behält über die ganzen Shitstürmchen.

Früher™ war so ein -gate ja noch richtig aufregend für alle Beteiligten, und damit meine ich nicht einmal den Urgrossvater aller -gates, Watergate. Nein, ich denke zurück an die goldenen Shitstormzeiten von #KitKatGate, #JackWolfskinGate, #BPgate, #VodafoneGate etc. Die Grössenordnung, die seither eine ganze Generation von Kommunikationsberatern in Lohn und Brot hält, die mit ihren angeranzten, „best-of-slideshare“ zusammengestoppelten Powerpointfolien über drittklassige Fachkonferenzen in Mittelstandsmetropolen tingeln und ihre Tipps für gelungene Krisen-PR an die durch haarsträubende Medienberichte verängstigte Geschäftsleitung bringen.

Inzwischen hat sich aber wohl selbst im Hinterland herumgesprochen, dass die ganze Aufregung in der Netzgemeinde zu 99% ignoriert und ausgesessen werden kann und wohl auch sollte. Jedenfalls dann, wenn man noch ein Rest von Ehrgefühl hat und seine Firma oder sein Produkt nicht zum Affen dieser Zirkusveranstaltungen machen will.

Die letzten 1% sind dann Fälle, bei denen man wirklich einen objektiv gesehen gravierenden Fehler gemacht hat, der z.B. zu einer Rückrufaktion führen wird. Dann wird sich entschuldigt und die entsprechende Massnahme angekündigt und fertig. Dann wird man zwar genauso vom Pöbel gekreuzigt, aber wenigstens hat man Das Richtige™ getan.

Alternativ setzt man auf die bewährte „Danke, dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben, wir haben eine Untersuchung in die Wege geleitet und werden beizeiten die Ergebnisse veröffentlichen“-Strategie. Klar, dass ‘beizeiten‘ PR-Sprech für ‚Wenn die Hölle überfriert‘ ist und nichts weiter als ein höfliches und zumeist angemessenes ‚Fuck You‘ an den Mob.

Man kann im Netz nicht die Kommunikationshoheit gewinnen. Man kann nur verlieren, wenn man sich in die Kommentarschlacht begibt – oder gar so dämlich ist und Sockenpuppen für positive Kommentare und Tweets bezahlt – und man kann genauso nur verlieren, wenn man eine Pressemitteilung, egal welchen Inhalts, als Antwort auf die Vorwürfe herausgibt. Diese wird dann nämlich seziert und auf weitere mögliche -gates abgeklopft um den Pott am Kochen zu halten, z.B. auf eine gendergerechte Sprache. Blut muss fliessen, und Schadensbegrenzungs- oder Erste-Hilfe-Massnahmen des Opfers sind da definitiv unerwünscht.

Der einzige Trost ist: Es geht schnell vorbei, der Mob will Frischfleisch mehrmals täglich, spätestens wöchentlich. Wenn man sich auf keine Diskussion einlässt, wird vielleicht eine Handvoll der Krakeeler das Produkt boykottieren, jedenfalls so lange, bis sie gezwungen sind wieder darauf zurückzugreifen. Zum Beispiel bei leerem Benzintank in der Mitte von Nirgendwo, und am Horizont leuchtet warm und golden das Licht des Feindes: Eine Texaco Exxon Shell BP Tankstelle. Respekt vor denen, die dann aus Prinzip unverrichteter Dinge mit leerem Kanister zum Auto zurückstapfen und schieben.

Aus Sicht des engagierten Normalbürgers ist es natürlich blöd, dass auch die ganz grossen Schweinereien inzwischen anstandslos durchgewunken und ausgesessen werden, weil sich drei Tage später einfach keine Sau mehr daran erinnert, oder auch nur dafür interessiert. Es ist schwierig, als Netizen bei relevanten Themen wie Netzneutralität, NSA-Spionage, TTIP und ACTA etc. ernstgenommen zu werden, wenn man den Boden schon mit #Taschengate und #Shirtgate verbrannt hat. Und da sich die sogenannten Qualitätsmedien nicht entblöden, auch über solche Nichtthemen ausführlich zu schreiben (wobei sie ihren eigenen Geifer natürlich scheinheilig als den des Onlinepöbels ausgeben), nimmt auch niemand mehr sueddeutsche, SpOn & Co. noch ernst, wenn es dann mal um die wirklich relevanten Themen geht.

Stark vereinfacht könnte man also sagen, dass wir in Europa sehr wahrscheinlich Genfood (via TTIP) kriegen werden, weil die Netzgemeinde sich nicht darüber einig werden konnte, ob man nun besser deutsche oder indische Arbeitsplätze unterstützen soll, oder ob ein wissenschaftlicher Supernerd, der eine Raumsonde auf einem 500 Millionen Kilometer entfernten Kometen gelandet hat, im Job ein geschmackloses Hemd tragen darf, das ihm seine Freundin genäht hat.

 

Na super. #allebekloppt.

Dieser Artikel hat 6 Kommentare

  1. …da stimme ich doch voll zu!

    LG
    Thomas

  2. Es empfiehlt sich, Twitter nur mit einem Client wie Tweetbot zu verwenden, wo man dann einen regulären Ausdruck hinterlegt, der einfach alles, was mit gate endet, ausblendet.