Heute twitterte jemand einen Link zu diesem Artikel hier, wo sich jemand über unpünktliche Menschen auslässt. Ich hätte bei jedem Satz laut und ekstatisch „Ja! Ja! Ja!“ rufen mögen.

Für mich ist Unpünktlichkeit die absolut grösste Frechheit, die unverzeihliche Sünde, der totale Schlag ins Gesicht. Gleich vorab: ich meine nicht den Fall, wenn das Leben einem Knüppel zwischen die Beine geworfen hat und man ausnahmsweise mal aus komplett unvorhersehbaren Gründen zu spät kommt. Das passiert jedem mal. Einmal im Leben. Vielleicht zweimal. Aber es passiert vielen Menschen seltsamerweise sehr häufig und sehr regelmässig und noch viel mehr Menschen passiert überhaupt nichts. Sie finden es schick, zu spät zu kommen und sülzen was von „akademisches Viertel, haha“.

Ich bin „geborene Lufthansa“, das heisst: Wer nicht fünf Minuten vor der Zeit da ist, ist zu spät. Das kann man spiessig finden, aber damit kann ich gut leben. Wenn in einem Meeting zehn Leute startbereit sitzen, und einer kommt eine Viertelstunde zu spät, dann hat er gerade 165 Minuten Zeit verplempert. Wer hier freiberuflich unterwegs ist oder was von Controlling versteht, kann das ja mal in klingende Münze umrechnen.

Oder, wie es bei Lufthansa (und jeder anderen Fluggesellschaft) heisst: Das Flugzeug fliegt mit oder ohne dich ab. Jede Stewardess ist im Verspätungsfall ihren Job los oder hat allermindestens eine Abmahnung im Kasten. Jeder Passagier wird am Gate stehen gelassen, wenn er nach Abschluss des Boardings eintrifft. Das ist klar kommuniziert.

Ich hatte mal einen Kunden, der sich aufgeregt über die vielen Projektmanagementstunden auf der Rechnung beschwerte. Er liess die Termine von seiner Sekretärin gegenchecken und meinte, das wären doch nur je 60 Minuten lange Meetings gewesen. Auf meine Erklärung, dass er mich jeweils 30 Minuten habe warten lassen (bis er, noch kauend, vom Essen zurück war) und das Meeting dann auch statt der ursprünglich im Kalender geplanten 60 Minuten 120 gedauert habe, weil auch seine Mitarbeiter nicht pünktlich waren, erst mal den Beamer aufbauen mussten oder den passenden Stift fürs Whiteboard  suchen, murmelte er was von ‚Unverschämtheit‘. Ja, das finde ich auch, obwohl er es anders meinte.

Und das gilt nicht nur für Freiberufler, die nach Stunde abrechnen. Ich habe auch schon zu Angestelltenzeiten mal ein internes Meeting verlassen, weil diejenige, die es einberufen hatte, zu spät war. Ein Telefonmeeting mit 30 TeilnehmerInnenn aus fünf Zeitzonen, das platzte, weil jemand morgens den Hintern nicht rechtzeitig aus der Kiste bekam und dann im Stau stand. Ein Meeting mit Leuten, die zu dem Zeitpunkt bereits teils 13 Stunden im Büro hinter sich hatten und in 11 Stunden wieder am Schreibtisch sitzen würden. Das war in den Zeiten vor VoIP und schnellen DSL-Flatrates in jedem Haushalt; das war in den Zeiten von Handytelefonaten, die 1€/Minute kosteten. Heute könnte man das halt bequem von zuhause auf dem Sofa via Skype abhalten. Aber warum sollte man? Mein Feierabend ist mein Feierabend, wenn ich nach 13 Stunden im Büro müde und kaputt zuhause ankomme, will ich nicht noch in meiner Freizeit eine Telefonkonferenz mit Leuten abhalten, die bestenfalls nicht organisiert und schlimmstenfalls einfach Arschlöcher sind. (Beim nächsten Mal waren dann übrigens plötzlich alle pünktlich und startklar. Komisch, geht doch.)

Manchmal überlege ich, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, zu den Meetingmodalitäten von, sagen wir mal, König Artus‘ Tafelrunde zurückzukehren. Man stelle sich vor: Da sitzt ein Haufen Leute in der Runde und einer kommt rein mit einer blöden, halbgaren Ausrede, sorry für die Wartezeit, sein Pferd musste unterwegs noch kacken oder was weiss ich. Ich weiss nicht wie es Euch geht, aber ich hätte Hemmungen, verspätet in einen Raum voller Typen zu kommen, die jeder ein Schwert oder eine Axt an der Seite tragen und auch bereits eine ganze Menge Met getankt haben, weil sie die Wartezeit ja irgendwie überbrücken mussten … Hierzulande gibt’s höchstens ein paar Schnittchen oder Besprechungskekse vom Aldi, und auch erst dann, wenn der Oberchef da ist. Wenn der Oberchef das Arschloch ist, das den Rest der Truppe warten lässt, hat man nicht mal ein Schwert zur Hand, den Kerl gepflegt einen Kopf kürzer zu machen. Die Meetingkultur in Unternehmen ist seit dem Mittelalter definitiv den Bach runter.

König ©2014 Kiki Thaerigen, e13.de

Es gibt natürlich Termine, da kommt es nicht auf die Minute an. Parties zum Beispiel. Da wird quasi erwartet, dass die Gäste mindestens eine halbe Stunde später kommen. Aber warum eigentlich? Was genau ist so schwierig daran, um acht Uhr zu kommen, wenn für acht Uhr eingeladen wurde? Und umgekehrt: Wenn Ihr wollt, dass ich erst um halb neun komme, dann schreibt halt halb neun in die Einladung. Die coolen Leute kommen erst um elf? Die coolen Leute können mir den Schritt schampoonieren, wie Jack Nicholson das mal so wunderbar formuliert hat.

Bei gesetzten Essen hingegen, wo die Gastgeber den Tag in der Küche verbracht haben um auf den Punkt hin ein formidables Essen auf den Tisch zu bringen, gibt es null Entschuldigung. Zero. Kein „die Bahn ist uns vor der Nase weggefahren“, kein „wir haben keinen Parkplatz gefunden“, kein „der Babysitter kam zu spät“. Das sind keine validen Erklärungen und schon gar keine Entschuldigungen. Das sind alles billige Ausreden für „meine Zeit war mir halt wichtiger als deine“.

Wir wissen, dass es Parkplatzschwierigkeiten und Staus gibt, wenn wir uns zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Gegenden mit dem Auto bewegen. Also kann man das einkalkulieren und entsprechend früher los fahren. Die Bahn fährt im Allgemeinen ziemlich fahrplanmässig und berechenbar. Und wenn man einen Termin hat, nimmt man eben eine oder zwei Bahnen früher oder reist am Vorabend an. Niemand wird z.B. ernsthaft erwarten, den Job zu kriegen, wenn er zum Vorstellungsgespräch zu spät kommt, oder? Wäre ich diejenige, die auf Seiten der Personalabteilung das Gespräch führt, fände das Gespräch gar nicht mehr statt.

Wir haben uns irgendwie alle daran gewöhnt, für einen Arzttermin einen halben Arbeitstag einzuplanen, ganz besonders als Kassenpatienten. Es gibt für mich keine nachvollziehbare und einleuchtende Erklärung dafür, dass ich mehr als die Zeit bis zum Terminbeginn im Wartezimmer – also maximal die oben erwähnten fünf Minuten – verbringen sollte. Wie häufig kommt tatsächlich ein Notfall dazwischen und wie häufig muss der Arzt halt noch irgend etwas anderes machen, weil er schlecht organisiert ist? Und was heisst überhaupt Notfall? Wenn es ein Notfall ist, dann geht man ins Krankenhaus, nicht zum Haus- Fach- oder Zahnarzt, es sei denn, es ist halt die Notfallsprechstunde. Ich habe einige Ärzte im Bekanntenkreis. Jeder einzelne von ihnen ist ein prätentiöser Chaot, der es schick und angemessen findet, andere warten zu lassen. Offenbar ist diese spezielle Charakterschwäche eine Voraussetzung für den Job.

Ich habe Freunde, die grundsätzlich zu spät kommen. Es macht mich rasend. Ganz besonders, wenn ich von ihrer Logistik abhängig bin, weil ich bei ihnen im Auto mitfahre. Ich sterbe vor Scham, wenn ich irgendwo aufgrund unvorhergesehener Umstände zu spät komme. Es gibt in meinen Augen keine Entschuldigung dafür.

Menschen, die finden, ihre Zeit sei wichtiger als meine Zeit, mögen subjektiv gesehen Recht haben, natürlich ist einem das Hemd näher als die Hose. Objektiv gesehen sind sie schlecht organisiert, unhöflich, respektlos und residieren in meiner Achtung knapp oberhalb der Teppichkante. So unterschiedlich wir Menschen weltweit auch sein mögen, wir haben alle eines gemeinsam, reich wie arm: Unsere Tage haben 24 Stunden und wir wissen nicht, wie viele Tage wir insgesamt zur Verfügung haben. Jede Minute Zeit, die mir gestohlen wird, ist ein unverzeihlicher Diebstahl.

Dieser Artikel hat 26 Kommentare

  1. Danke! Privat ist es ja schon eine grobe Unverschämtheit, beruflich kann ich es überhaupt nicht verstehen. Ich mache Elterngespräche grundsätzlich mit Timer, den ich zum verabredeten Termin stelle. Diese Erbostheit, die einem dann entgegenschlägt, wenn der Wecker klingelt und man das Gespräch beendet ist immer wieder beeindruckend. Eltern, die öfter Gespräche wollen, sind aber auch gegen diese Erziehungsmaßnahmen renitent.
    Und schlecht organisierte Arztpraxen sind meine speziellen Freunde (meine Mutter war Helferin und echt gut in der Terminplanung . Ihr Chef halt nicht, aber er hatte einen Blick für gutes Personal.)

    P.S.: Initiative für mehr Rückmeldung in Blogs. PAPOY!

  2. Ja, ja, ja!
    So richtig alles, dass ich grad Genickschmerzen vom Nicken habe.

  3. … resistent …

    (Merke dir Steffen: Immer alles vorher noch mal durchlesen, auch das ist Höflichkeit.)

  4. Ich sag auch zu allem ja. Aber ich suche mir z.B. meine Ärzte inzwischen auch danach aus, wie lange ich warten muss. Sowohl bei meinem Orthopäden als auch bei meinem Zahnarzt warte ich aktuell so ungefähr 5 Minuten – wenn es schlecht läuft. Ganz im Gegensatz zu dem Orthopäden, bei dem ich mit Termin zum Nachsehen (nix akutes also) mal geschlagene drei Stunden gewartet habe. Und dann gegangen bin.

    Teilweise war es mit notorischen Zu-Spät-Kommern schon so schlimm, dass wir denen eine andere, frühere Startzeit genannt haben, damit sie wenigstens einigermassen pünktlich mit den anderen zusammen da sind.

  5. Ich bin ziemlich sicher, daß die Tafelrunde kein Problem damit hatte, wenn mal jemand eine Stunde später eintrudelt.

    Allein schon mangels Uhren mit Minutenzeigern.

  6. Ach, Kiki! Wäre ich nicht schon verheiratet, wäre ich schon längst vor Dir auf die Knie gegangen! Du sprichst mir aus der Seele. Gut, als Schwabe und Sternzeichen Jungfrau bin ich in Ordnung und Pünktlichkeit vorbelastet. Mein beruflicher Pünktlichkeitsanspruch wurde v.a. in meiner ersten Agentur in Hamburg geschärft. Pünktlich war 5 Minuten vor Meetingbeginn im Konfi zu sitzen. Wer auch nur eine Minute zu spät kam, musste draussen bleiben. Auch wenn es der Geschäftsführer oder Creative Director war. Fand ich super und vermisse ich heutzutage oft.

  7. Sehr schöner Text. :)
    Fehlt nur eines: Meetings nicht nur pünktlich beginnen sondern auch pünktlich beenden. Ewig überziehen und wie selbstverständlich davon ausgehen, dass andere Teilnehmer das einfach mitmachen, finde ich genauso respektlos.

    • Jo. Klar. Und dann sind wir auch schon beim Thema „Agenda“, „Moderation“ etc. Ein Fass ohne Boden. Ich gehe übrigens auch (bzw. lege auf), wenn die Zeit um ist, es sei denn, es kommt etwas Unvorhergesehenes und Wichtiges aufs Tapet. Wenn ich aber merke, da wird nur ergebnisoffen rumgesülzt, dann bin ich raus.

  8. Ja, ja, ja!

    Danke, genauso.

    Ich weine immernoch dem ersten Kinderarzt hinterher, der zum einen sowieso toll war und bei dem wir zum zweiten immer NACH dem Termin noch mal kurz ins Wartezimmer zu dem tollen Spielzeug mussten, denn vorher war ja nie Wartezeit.

    Und privat werde ich mittlerweile bei ewigen Zuspätkommern sehr grantig.

  9. Wie recht du hast! Viel Dank!
    Das Dümmste, was ich in der Beziehung in letzter Zeit gehört habe, war eine notorisch verspätete Kollegin (mit der ich manchmal mitzufahren gezwungen bin), die meinte, sie käme eigentlich immer zu spät, aber durch die Umstellung auf Winterzeit wäre es ein paar Tage besser.
    Wenn ich fahre, und ankündige, dass die vereinbarte Zeit auf jeden Fall die Abfahrtszeit ist, kann sie übrigens neuerdings auch pünktlich.mit nassen Haaren. völlig außer Atem.
    Danke, dass sich noch jemand außer mir darüber aufregt, dass Zuspätkommer einem Lebenszeit stehlen. <3

  10. Martin Kaymer sieht’s genauso: „Das ist ein absolutes No-Go, weil es respektlos dem anderen gegenüber ist. Jemanden warten zu lassen, heißt, ihm wertvolle Lebenszeit zu stehlen.“

    :)

    http://www.welt.de/sport/article133890983/Liebe-Disziplin-und-Respekt-sind-in-meinem-Blut.html

  11. Sehe ich absolut genau so !

    Und ich finde die ständige Erreichbarkeit hat das noch verschlimmert. „Wir können ihm/ihr ja eh schnell ne SMS schreiben, dass wir uns um ne Stunde verspäten“ Das ändert aber nichts an der Tatsache das das Gegenüber dann ne Stunde warten muß, ihr Asis ! ;-)

    Naja, manchmal hilft alles nix, einige besonders Lernresistente muß man eben um 19:30 Uhr einladen, wenn das Treffen um 20:00 Uhr ist. Dann haben sie ne Chance eventuell pünktlich zu sein.

  12. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  13. Toller Artikel. Ich breche inzwischen auch Freundschaften zu Leuten ab, die immer zu spät kommen. Mit Menschen die mich und meine Zeit nicht respektieren mag ich nicht befreundet sein.

  14. Applaus! Als notorisch Pünktliche nicke ich bei jedem Wort.

  15. ich verlasse zu selten ein Meeting wg Unpünktlichkeit und Geschwafel am Ende. Mache zu selten darauf aufmerksam, dass wir aus der Zeit laufen.

    Tue ich das, bin ich sofort als „die Alberne“ oder „die Agressive“ abgestempelt. Es nervt mich unglaublich diesen Stempel dafür zu bekommen, dass ich mich an Absprachen halte und vorbereitet bin. Ich verstehe Termine als Absprachen.

    • Aus wichtigen Gruenden Anonym
      Dienstag 18 November 2014, 10:29 am |

      Pro Tipp (sagt man das heute so?):

      Wenn die Zeit abgelaufen ist die Besprechung mit der Bemerkung „Ich muss leider schon zum nächsten Meeting“ verlassen. Erstaunlicherweise akzeptiert jeder diesen Grund. Dass das ein Meeting mit meinem Schreibtischstuhl ist muss nicht jeder wissen :-)

  16. Wer zu spät kommt, den bestrafe ich. Z. B. durch nie wieder zum Essen einladen, und das tut weh.

  17. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Vor Jahren habe ich mal einen Mann kennengelernt, der immer unpünktlich war. Als ich ihn deutlich darauf aufmerksam machte, sagte er mir, dass wir unsere Dates doch so terminieren können. Wenn wir uns um 20 Uhr treffen wollen, soll ich ihm sagen, dass wir uns um 19:30 Uhr treffen.
    Dann würde er es auch schaffen pünktlich zu sein.

    Als ich ihn dann fragte, ob das tatsächlich sein Ernst sei und er dies bejahte, habe ich das Ganze beendet.
    Denn es hört ja nicht mit Dates auf. Wäre das eine länger dauernde Beziehung geworden, hätte sie für mich buchstäblich nur aus Warten auf Monsieur bestanden.

    Ein absolutes Unding.