Ich kannte die Kollegin nicht sehr gut. Sie schien sehr nett zu sein, allerdings auch immer sehr gestresst. Ich sah sie manchmal über den Flur hetzen, gelegentlich auch mal mittags im Casino auf Kampnagel, wo viele Kollegen die abwechslungsreichen und günstigen Speisenangebote zu schätzen wussten. Ich selbst hatte selten Gelegenheit dazu; meist holte ich mir nur eine Suppe oder ein Sandwich aus dem Café im Erdgeschoss und verzehrte den Imbiss hastig am Schreibtisch. Mittags stand meist eine Telefonkonferenz mit den Kolleginnen und Kollegen in England, Frankreich und Spanien an und so blieb es mir verwehrt, schnell und leicht engeren Kontakt mit den Leuten im eigenen Gebäude, aus den Nachbarbüros auf dem eigenen Flur aufzubauen.

Ich bin nicht sicher, ob sie sehr beliebt war bei den Leuten in ihrer Abteilung, in der sie eine leitende Position innehatte, wenn ich mich richtig erinnere. Ich hatte mit ihrer Abteilung nur sehr wenig zu tun; selten ging ich einmal hinüber um Termin- und Materialfragen zu klären. Ich meine mich zu erinnern, daß sie als anstrengend galt. Aber wer ist das nicht? Es kommt ja immer darauf an, wen man wann dazu befragt. Sie war auch deutlich älter als viele von uns, Mitte vierzig, wie ich später erfuhr.

Sie hatte einen kleinen Sohn, vielleicht acht oder neun Jahre alt, den sie allein erzog. Ein- oder zwei Male brachte sie ihn mit ins Büro, wahrscheinlich hatte er dann gerade Ferien oder es war vielleicht gerade Boys Day, wenn es das damals schon gab. Ich weiss es nicht mehr. Er war ein netter, höflicher Junge, recht still wie mir schien, aber das kann natürlich auch an mir gelegen haben. Ich hatte den Kopf dauernd so voll wie meinen Terminkalender, für Smalltalk mit Kindern hatte ich wahrlich keine Zeit, selbst wenn ich gut in Smalltalk gewesen wäre, was ich ohnehin nie war.

Ich weiss noch, wie wir gerade wieder einmal mit der Firma umgezogen waren, wir platzten aus allen Nähten. Sie ging mit ihrem Sohn durch die Flure und Abteilungen, hielt hier und dort ein Schwätzchen und der Junge fing offenbar an sich zu langweilen und ging auf Entdeckungstour. Plötzlich stand er bei mir im Büro, sah sich still aber aufmerksam um und nahm die vergleichsweise spärliche Dekoration in sich auf. Ich hatte nur zwei gerahmte Filmplakate an den Wänden hängen, sonst nichts. Andere Kolleginnen und Kollegen hatten ihre Büros mit coolem Merchandise und Promotionartikeln vergangener Filmprojekte ausstaffiert; da standen Tweetie und Sylvester aus Plüsch neben lebensgrossen Pappaufstellern von Filmstars, wie man sie in den Kinos sah. Bei meiner eigenen Arbeit fiel so etwas nicht ab. Ich war eine one woman show, meine eigene Abteilung, und die drehte sich ums Internet. Meine goodies waren Trailer, Filmclips, coole Websites. Goodies, die man sich nicht auf den Schreibtisch stellen konnte, selbst wenn ich das gewollt hätte, was ich nicht tat. Auf meinem Schreibtisch stand eine Schale mit Mandarinen und der Schokolade, die wir alle zum Nikolaustag von der Geschäftsführung bekommen hatten.

Der Junge lehnte sich gegen ein Sideboard, das zur Enrichtung gehörte und das auch nach über drei Jahren noch komplett leer war. Während die Produktmanager in Papierfluten ertranken und nicht wussten wohin mit ihren Ordnern, stand bei mir ein leeres, meterlanges Sideboard herum. Ich hatte keinerlei Verwendung dafür; bei meiner Arbeit fiel kaum einmal Papier an. Aber es gehörte nun einmal zu meiner Abteilung und die anderen hätten ohnehin keinen Platz dafür mehr in ihren kleinen, engen Büroschläuchen gehabt.

Er zog seine Jacke aus und legte sie auf das Sideboard, dann studierte er die Plakate.
„Möchtest Du Schokolade, oder eine Mandarine?“ fragte ich ihn. Er nickte.
Ich schob ihm die Schale hin. Er nahm eine Mandarine und wollte ihre Schale mit dem Fingernagel eindrücken, aber sie war zu fest. Er drückte eine Weile verbissen und verlegen daran herum und gab es schliesslich auf. Zu höflich, die Frucht wieder zurück zu den anderen in die Schale zu legen behielt er sie in der Hand, wo er sie verlegen hin- und herdrehte. Ich stand auf, ging zum Garderobenständer und suchte in meiner Manteltasche nach dem Schlüsselbund, an dem mein kleines Taschenmesser hing. Das hielt ich ihm hin, er klappte fasziniert die Schere aus und lachte.
„Das ist ja eine Schere!“
„Da ist auch ein Messerchen, damit dürfte es besser gehen.“ Ich erinnerte mich daran, wie ich in seinem Alter gewesen war und verkniff mir den Hinweis, daß er vorsichtig sein solle.

Er schälte behutsam die Mandarine, dann zog er ein Papiertaschentuch aus seiner Jeans und wischte die Klinge sorgfältig und sauber ab, bevor er sie wieder einklappte und mir das Messer reichte.
„Danke.“
Mit spitzen Fingern zupfte er die weissen Fädchen ab, legte sie in die Schalen in seiner Hand und sah sich suchend um. Ich schob ihm den Papierkorb rüber.
„Danke.“ Ein höfliches Kind.

Er zeigte auf das Plakat, das er zuvor studiert hatte.
„Ist das ein guter Film?“
Ich überlegte. „Ja, doch, der ist ganz okay.“
„Warum hast du …“ er wurde rot und verbesserte sich rasch „… haben Sie das Plakat ausgesucht, wenn das nicht ein toller Film ist? Oder sogar Ihr Lieblingsfilm?“
„Kannst ruhig ‚du‘ sagen. — Weil das Plakat toll ist.“
Er schwieg und aß einen weiteren Mandarinenspalt.
„Aber der ist schon alt, oder?“
Ich musste unwillkürlich lachen. Der Film war drei Jahre alt. Für mich gefühlt von letzter Woche, für ihn aus der Zeit, als er noch klein war.

„Welcher ist dein Lieblingsfilm, der da?“ Er zeigte auf das andere Plakat.
„Nein, der nicht. Obwohl er zu meinen liebsten Filmen gehört.“
„Der ist auch schon alt, oder? Aber welcher ist denn nun dein Lieblingsfilm?“
„Welcher ist denn deiner?“ fragte ich zurück.

Er wollte gerade antworten, als seine Mutter den Kopf durch die Tür steckte, ihren Sohn sah und hereinkam. Sie lächelte uns zu.
„Ah, hier steckst du also.“ Sie setzte sich neben ihn auf das Sideboard und legte ihren Arm um seine Schulter.
„Ich hoffe, er hat dich nicht zu sehr genervt?“ fragte sie mich, während sie ihm über den Kopf strich. Er zog eine Grimasse, es war ihm sichtlich peinlich.
„Ganz und gar nicht“ antwortete ich. „Wir waren gerade dabei, unsere Filmvorlieben auszutauschen.“
Ich bot ihr eine Mandarine an, die sie ablehnte.
„Danke, aber wir müssen los. Es ist noch so viel vorzubereiten, wir fliegen ja bald in den Urlaub.“
„Wo geht’s denn hin?“ fragte ich.
„Nach Khao Lac“ sagte sie, und als sie mein fragendes Gesicht sah fügte sie hilfreich „Thailand“ hinzu.
„Wow.“ Ich sah die beiden an. Er strahlte.
„Wir fliegen dahin!“
„Ja, über Weihnachten und Silvester“ sagte sie.
„Cool!“ sagte ich. „Weit ab von der Matsche, die uns hier garantiert wieder erwartet.“
Sie lachte und sah plötzlich zehn Jahre jünger aus und so fröhlich und locker, wie ich sie zuvor noch nie gesehen hatte.
„Ja, ich kann es auch kaum erwarten. Weihnachten im Bikini!“
„Ich aber nur in der Badehose“ sagte er.
Ich lachte, gratulierte zu diesem tollen Reiseziel und wünschte ihnen eine gute Reise, bevor sie fröhlich hinausgingen und die Tür hinter sich schlossen.

Ich habe die beiden nie wieder gesehen.

In den Tagen und Wochen nach dem Tsunami habe ich mit den Kolleginnen und Kollegen wie betäubt die Webseiten mit den Horrorbildern aus Khao Lac, Banda Aceh und anderen Orten angesehen. Mutter und Sohn wurden vermisst und je mehr Tage ins Land gingen, desto klarer wurde: sie würden nicht wiederkommen.

Als ich vor ein paar Monaten den Trailer zu The Impossible sah, brach ich spontan in Tränen aus. Ich hatte mir die Inhaltsangabe nicht durchgelesen, sondern nur mit einem Auge das Stichwort ‚Ewan McGregor‘ gelesen und gleich auf «play» geklickt. Ich glaube nicht, daß ich mir den Film ansehen kann, obwohl er gut sein soll.

Der Junge, der in meinem Büro eine Mandarine gegessen hat wäre heute fast achtzehn Jahre alt. Wann immer ich mein kleines Taschenmesser benutze, denke ich an ihn und frage mich, welches wohl sein Lieblingsfilm war.

Dieser Artikel hat 24 Kommentare

  1. .

    (Ich muss immer an den Grabstein auf einem Nürnberger Friedhof denken, auf dem eine Welle dargestellt ist, ein Familienname und vier Vornamen mit dem gleichen Todesdatum im Dezember 2004.)

  2. .

    (Danke. So machst Du sie lebendig.)

  3. Das Leben ist manchmal so…. scheisse. Schön geschrieben, und beim Lesen geweint.

  4. Man hört normalerweise von solchen Schicksalen nur in den Medien und hat sie schnell vergessen. Schlimm, wenn man eine persönliche Geschichte damit verbindet. Aber auch schön, denn so wird an die Personen gedacht. Ich war schon sehr oft mit meiner Freundin und mit Freunden auf Phuket, davor und danach. Es ist noch immer befremdlich, wenn man vor Ort die tatsächlichen Bilder mit denen im Kopf abgleicht.

  5. […] Der Besu­cher Äußerst lesens­werte, sehr per­sön­li­che Geschichte von Kiki über ein Kol­le­gin, die mit ihrem Sohn nach Thai­land reiste. […]

  6. […] Kiki hat einen Besucher. Achtung, der Text läßt einen nicht ohne Beklemmungen zurück. […]

  7. […] Berührende Blogtexte bei Kiki und beim Eimerchen. Und Sandra weckt ein, und ich will sofort […]

  8. Danke, da kommt die Gänsehaut wieder ganz langsam den Nacken hochgekrochen. Man denkt ja oft, dass das so weit weg ist. Wir hatten in der Firma bei einem Projekt einen externen Projektleiter von unserem Implementierungspartner der in der Zeit auch dort in der Gegend war. Er kam wieder heim, seine Frau nicht. Einfach bitter, so bitter.

  9. Ich habe Tränen in den Augen.

  10. Der erste Eintrag den ich hier lese und dann so eine Gänsehaut Geschichte. Danke das du das mit uns teilst und schön geschrieben.

  11. […] so wie @k_eins auf’m Bauernhof Radfahren gelernt hat (wenn auch viel schneller!).Und auch dieser – traurige – Beitrag von Kiki bewegt […]

  12. […] Viele landen nach einer Weile unangefasst im Papierkorb, andere schaffen es ins Blog, wie z.B. dieser hier, der sicher zwei Monate reifte und den ich eigentlich auch erst gar nicht veröffentlichen wollte, […]