Ich bin Kind eines Flüchtlingskinds. Meine Großmutter wurde in Essen ausgebombt und begab sich mit ihren drei kleinen Kindern (6, 5 und 4 Jahre) auf die Flucht; mein Großvater war gefallen. Zunächst ging es nach Bayern, später in die Lüneburger Heide. Sie hatten das Glück und das Pech, eine Familie von vielen zu sein, die im eigenen Land, der Not gehorchend, von jetzt auf sofort bei Fremden Unterkunft finden mussten und sich mit dem Versorgungsamt herumschlagen durften.

Vier Köpfe von rund 12 Millionen; später kamen noch einmal rund 12 Million „Displaced Persons“ aus KZ und Zwangsarbeitslagern dazu. Daß meine Omi, die schon hungernd den ersten Weltkrieg überlebt hat und heute im 100. Lebensjahr steht, nach wie vor topfit im Kopf und in der Zeit damals nicht wahnsinnig geworden ist, das finde ich bemerkenswert. An Tagen, an denen ich glaube gestresst zu sein, denke ich kurz an die junge, hübsche Frau Mitte zwanzig, die frisch verwitwet war, drei kleine Kinder an den Händen hielt und keinerlei Aussicht auf eine nennenswerte Zukunft hatte und lache herzlich. 

Der angeheiratete Teil der Familie hat ebenfalls eine Flüchtlingshistorie, wie ich letztes Jahr eher beiläufg erfuhr. Dort ging es aus Ostpreussen auf dem Handwagen gen Westen; die schmutzigen Details hat man mir erspart und ich war zu feige um nachzufragen, aber ich denke wir haben genügend Vorstellungsvermögen und sind in in unserer Generation gebildet genug um zu wissen, was sich dort so abgespielt hat.

Das alles ist gerade mal siebzig Jahre her.

Etwas über zwanzig Jahre ist es her, daß Menschen aus dem, was ich als Kind als „Ostblock“ kennengelernt habe, heimlich über Nacht ihre Familien und Freunde zurückliessen, um frei zu sein. Den meisten ging es wahrscheinlich objektiv gesehen gut, sie hatten Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Aber sie durften sich nicht frei bewegen und der Schmerz darüber war zu groß. Als ich mein Studium begann, saßen sie z.B. auf der Rückbank eines Fiat Polski und begaben sich ins gelobte Land. Durch eine Verkettung glücklicher Zufälle kamen dann 1989 auch die ohne Blutvergiessen frei, die sie bei Nacht und Nebel zurückliessen.

Niemand ist freiwillig auf der Flucht. Das eigene Land, die Heimat auf immer und ohne Aussicht auf eine Rückkehr zu verlassen, das ist garantiert kein Zuckerschlecken sondern etwas, was die Not allein gebietet. Deportation ist die Höchststrafe nach der Todesstrafe. Krieg, Folter, politische , religiöse, ethnische etc. Verfolgung sind die Ursache dafür, wenn sich Menschen auf die Flucht begeben, nach dem Motto „Etwas bess’res als den Tod finden wir überall“. Mir kommt die Galle hoch, wenn von „Wirtschaftsflüchtlingen“ gesprochen wird, als ob diese Flüchtlinge sonderlich die Wahl hätten, zu faul zum arbeiten wären, nicht sofort und mit Freuden in der Heimat bleiben würden, wenn sie dort ein Mitbestimmungsrecht, Freiheit und/oder einen Hauch von Zukunft hätten.

„Wir nehmen die meisten Flüchtlinge von allen auf“, höre ich in letzer Zeit häufiger von mehr oder weniger verschleierten (no pun intended) Fans der „Das Boot ist voll“-Parteien. Das mag sein, aber wir sind nicht zuletzt auch deshalb eines der reicheren Länder dieser Welt, weil wir kräftig Gewinn mit dem Elend der anderen machen und es zumindest indirekt oft selbst hervorrufen (Stichwort: Rüstungsexporte). Und natürlich haben wir uns unserer historischen Verantwortung zu stellen: Wer für so viel Flüchtlingselend verantwortlich war und ist wie wir, der darf sich gefälligst auch an der Linderung beteiligen. Ein ganz erhellender Artikel zum Thema findet sich dazu auf ZEIT Online.

Auf dem Pariser Platz in Berlin demonstrieren aktuell Flüchtlinge für  menschenwürdige Unterkünfte. Wobei „demonstrieren“ ein ziemlicher Euphemismus ist – sie befinden sich im Hungerstreik. Einige sind zu Fuß von Würzburg nach Berlin gelaufen, Google Maps gibt mir für diese Strecke von 435 Kilometern zu Fuß einen Zeitraum von 90 Stunden an, was wohl eher optimistisch geschätzt ist. Die Berliner Polizei nimmt den Demonstrierenden Decken und Isomatten weg – bei Bodenfrost. In den klassischen Medien vernimmt man dazu (wie übrigens auch zu den aktuellen Protesten in Spanien) seltsamerweise wenig bis gar nichts; erst nachdem der Aufschrei im Netz zu groß wurde, nahm man sich widerwillig der Nicht-Nachricht an und hat zynisch einen der letzten echten Journalisten zitiert; Hanns-Joachim Friedrichs.

„Eine Demonstration von 20 Menschen erfüllt diese Kriterien eigentlich nicht. Damit will ich überhaupt nicht sagen, dass die Demo unwichtig ist. Aber die Relevanz überschreitet meiner Meinung nach eine gewisse Schwelle nicht.“ schreibt ZDF-„Spitzenkraft“ Dominik Rzepka. Wo ist die magische Grenze? Hundert? Tausend? Mehr? In Saigon 1963 war ein einzelner Mönch, Thích Quảng Đức, einen Bericht wert. Immerhin musste er sich dazu selbst verbrennen. Auf dem Tian’anmen Platz ist es ein einzelner Mann vor einem Panzer, dessen Bild von dem Protest und späteren Massaker noch im Bewusstsein ist.

„Das kannst du doch nicht vergleichen“ höre ich einige unter Euch. Und das stimmt natürlich, auf eine Art. Äpfel, Birnen, fliessende Grenzen. Aber trotzdem bin ich sehr froh über das Netz und seine Möglichkeiten und daß ich für meinen Nachrichtenkonsum nicht länger auf die klassischen Gatekeeper angewiesen bin. Was relevant für mich ist, bestimme immer noch ich.

 

Dieser Artikel hat 22 Kommentare

  1. Ja, ja, ja. Was für eine Scheiße.

    „Damit will ich überhaupt nicht sagen, dass die Demo unwichtig ist. Aber die Relevanz überschreitet meiner Meinung nach eine gewisse Schwelle nicht“ ist ein bemerkenswert sinnloser Satz für einen Spitzenjournalisten. Die Sache ist also „nicht unwichtig, aber irrelevant“? Was soll das bedeuten? Im Fremdwörterduden steht unter „Relevanz“ als erste Bedeutung „Wichtigkeit“.

  2. […] und weil hier drüben alles Wichtige drinsteht, verweise ich mal außer der Reihe auf diesen Artikel bei Kiki. Bitte […]

  3. Alles, was so schwer fassbar in Kopf und Bauch umherschwirrte, wunderbar auf den Punkt gebracht. Danke.

  4. […] über Flüchtlinge im Allgemeinen und im Speziellen. Aus leider gegebenem Anlass, denn was da gerade in Berlin […]

  5. (…) „Wir nehmen die meisten Flüchtlinge von allen auf“, höre ich in letzer Zeit häufiger von mehr oder weniger verschleierten (no pun intended) Fans der „Das Boot ist voll“-Parteien. Das mag sein, aber wir sind nicht zuletzt auch deshalb eines der reicheren Länder dieser Welt, weil wir kräftig Gewinn mit dem Elend der anderen machen und es zumindest indirekt oft selbst hervorrufen (Stichwort: Rüstungsexporte). (…)

    Den dumpfen Verfechtern des Scheinarguments „Wir nehmen die meisten von allen auf!“ kann man belastbare Zahlen entgegenhalten:
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/asyl-statistiken-belegen-rueckgang-von-bewerbern-und-kosten-a-845546.html
    (… da muss man SPON sogar mal loben)

  6. […] Auf der Flucht — Ich bin Kind eines Flüchtlingskinds. Meine Großmutter wurde in Essen ausgebombt und begab sich mit ihren drei kleinen Kindern (6, 5 und 4 Jahre) auf die Flucht; mein Großvater war gefallen. Zunächst g… […]

  7. […] Kiki über “Auf der Flucht” window.___gcfg = {lang: 'de'}; (function() { var po = document.createElement('script'); po.type = 'text/javascript'; po.async = true; po.src = 'https://apis.google.com/js/plusone.js'; var s = document.getElementsByTagName('script')[0]; s.parentNode.insertBefore(po, s); })(); Kiki schreibt hier von ihrer Familie. Und vor dem Hintergrund, dass inzwischen jeder 5. in Deutschland “Migrationshintergrund” hat, aber nur ab 1949 gerechnet wird (warum eigentlich?), ergibt sich ein ganz… 31. Oktober 2012 – 18:39 | Von FrauZiefle | Kategorie Magazin | Stichworte Wahrheiten | Kommentare (0) ← Kunde in Zeiten des Onlineshoppings […]

  8. Ich habe kein Flattr, und dieser Blogeintrag lässt mich das zum ersten Mal wirklich sehr bedauern. Ich sage statt dessen danke.

  9. In Berlin nimmt man ihnen die Decken, bei Frontex die Boote.

  10. „Wir nehmen die meisten von allen auf“ ist zudem totaler Quatsch. Die meisten Flüchtlinge aus dem Sudan landen, mein ich mich zu erinnern, im Tschad. Die meisten Flüchtlinge aus dem brutalen Bürgerkrieg im Ostkongo landen in Uganda. Länder, die direkt neben Kriegsgebieten liegen, nehmen die meisten von allen auf, auch wenn sie selber arm sind.

  11. […] wenn man sich auf die klassischen Qualitätsmedien verlässt, verweise ich mal auf Kiki, die das alles mal sehr schön zusammengefasst hat. Und ich benutze das Wort eigentlich nicht, aber diesmal handelt es sich um eine Art […]

  12. Bravo!… Auch ich bin ein Kind von Flüchtlingskindern. Hätte man damals in und nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges dermaßen herzlos, gefühllos und kalt gehandelt, dann wären viele von uns höchstwahrscheinlich nicht geboren worden. Und es gäbe dieses Land hier in all seinem Reichtum und seiner Blüte nicht.

  13. Danke für diesen Artikel!

  14. Hallo @kiki,

    es freut mich, dass Sie sich meinen Post angesehen haben. Die Frage, was relevant ist und was nicht kann man auf verschiedene Arten und Weisen beantworten. Subjektiv und objektiv.

    Für Sie persönlich ist die Relevanz des Flüchtlingscamps groß. Das kann ich nachvollziehen. Journalistische Bewertungen finden allerdings objektiv statt – so sehr das eben geht. Dafür gibt es viele gute Gründe. Einer davon heißt Unabhängigkeit.

    Vielleicht haben Sie gesehen, dass wir bereits am Montag über das #refugeecamp berichtet haben:

    http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/24993958/43db82/Web-macht-Berliner-Asylprotest-zum-Thema.html

    Wir beobachten die Geschehnisse weiterhin. In der Nacht auf Mittwoch war ich auch am Brandenburger Tor, um eine Einschätzung der Lage selber durchzuführen. Am Morgen haben wir die Festnahmen auf heute.de und im ZDF-Videotext vermeldet.

    Viele Grüße,
    Dominik Rzepka, ZDF-Spitzenkraft im Hauptstadtstudio

  15. Als Münchner der keinerlei Flüchtlings- od. Vertriebenenverwandtschaft hatte kann ich mich sehr wohl daran erinneren wie die „wohltätigen Einheimischen“ in meiner Verwandtschaft und im sogn. sozialen Umfeld in der Nachkriegszeit über die „Flüchtlinge“ schimpften. Witz aus meinen Kind-
    heitserinnerungen: „Was hat der Mond und ein Flüchtling gemeinsam? Mal hat er einen Hof mal keinen.“
    Damit will ich zum Ausdruck bringen, der/das Fremde erfährt immer eine latente Ablehnung in jeder saturierten Gesellschaft. Es bedarf unserer mitmenschlichen Aufmerksamkeit dies nicht in Inhumanität ausufern zu lassen.

  16. […] Kiki über Flüchtlinge. Wer’s noch nicht gelesen hat, sollte das schleunigst tun. Ich kann dazu nur sagen, dass drei meiner vier Großeltern Heimatvertriebene sind (Ostpreußen, Sudetenland und Tschechien) und da ganz ganz sicher nicht aus Spaß weggegangen sind. […]

  17. […] deshalb und vielleicht, um ein paar Leute zum Nachdenken zu bringen, verlinke ich jetzt mal : “Auf der Flucht” von Kiki Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies […]

  18. […] »Niemand ist freiwillig auf der Flucht. Das eigene Land, die Heimat auf immer und ohne Aussicht auf eine Rückkehr zu verlassen, das ist garantiert kein Zuckerschlecken sondern etwas, was die Not allein gebietet.« e13.de Auf der Flucht […]