Manchmal braucht es gar nicht viel, damit du plötzlich einiges änderst, womit du bis gestern noch total zufrieden warst. Eine kleine Bewegung reicht. Du rutschst mit dem dicken Daumen ab auf dem Touchscreen und öffnest ungewollt das Profil eines Followers, statt auf seinen tweet zu antworten. Und während du ‚ts!‘ mit der Zunge schnalzt und das Fenster wieder zumachen willst, fällt dein Blick auf den Satz „XY is not following you.“

Es dauert eine ganze Weile, bis dieser Satz sich über die Netzhaut in die richtigen Gehirnwindungen fräst und dein erster Gedanke ist lustigerweise die Ergänzung ‚anymore‘. „It should read ‚XY is not following you anymore.‘“ Denn XY ist dir klaglos jahrelang gefolgt. Ihr seid Euch gegenseitig klaglos gegenseitig jahrelang gefolgt, habt Euch gelegentlich retweetet und habt Euch bestens unterhalten. Dachtest du jedenfalls.

Fortan gehst du Punkt für Punkt die Kübler-Ross’sche Liste der Trauerbewältigung durch:

Leugnen – „Twitter spinnt mal wieder. Weiß ja jeder, die schrauben sicher wieder an der API rum und jetzt hat’s halt deinen Lieblingsclient erwischt. #seufz“ Diese Phase hält genau so lange an, bis dir die Twitterwebsite, der Mac client und der client auf dem iPhone dasselbe sagen: ‚XY is not following you‘. Ganz harte Fälle reden sich nun noch ein, XY sei bestimmt nur mit dem Daumen abgerutscht, haha, it happens to the best of us, alles nur ein Missverständnis. Aber irgendwann landen auch sie in der nächsten Phase:

Wut – „WHAT THE FUCK!? WAS GLAUBT ER/SIE WER ER/SIE IST? DER/DIE KANN MICH DOCH NICHT EINFACH SO ENTFOLGEN NACH ALL DEN JAHREN! ICH ENTFOLGE SOFORT ZURÜCK, DANN WIRD ER/SIE SCHON SEHEN, WAS ER/SIE DAVON HAT!!eins11!“ Diese Phase dauert, je nach Grad des Erwachsenseins, ebenfalls nicht sehr lange. (Es ist Twitter, um Himmels Willen. Get a life.)

Schuldgefühle – „Vielleicht habe ich in letzter Zeit wirklich etwas zu viel/etwas zu selten (nichtzutreffendes bitte streichen) getwittert“. Du überlegst, welcher deiner Tweets wohl den Ausschlag bei XY gab, auf ‚entfolgen‘ zu klicken; eine Überlegung, die nicht eben erleichtert wird durch die Tatsache, daß du nicht weisst, wann genau er/sie dich entfolgt hat. Vielleicht ist es ja schon Monate her? Es gibt Tools, die dir das sagen könnten, aber du hast sie natürlich nicht installiert, weil du diese Information ja komplett albern und irrelevant und höchstens für Firmenaccounts interessant findest. Fandest.
Diese Phase dauert etwas länger als die ersten beiden, da sie den Betrachter zwingt, sich selbstkritisch mit den eigenen Verhaltensmustern zu beschäftigen und die eine oder andere nicht von der Hand zu weisende unangenehme Wahrheit ans Licht fördert und geht manchmal fliessend über in die nächste Phase:

Feilschen und betteln – „Ich twittere künftig weniger/mehr/anders/besser (zutreffendes bitte unterstreichen), wenn du mir wieder folgst, ja?“ Diese Phase kenne ich nur aus Erzählungen; mein Selbstwertgefühl ist intakt und ich twittere wie ich bin. Ich werde mich definitiv nicht für jemand anderen ändern; schon gar nicht für jemanden, den ich nur online ‚kenne‘. „Wer nicht will, der hat schon und bye-bye, war schön mit dir“ ist meine Einstellung dazu. Daher kann ich auch nicht viel zur nächsten Phase sagen, der

Depression und Angst – „Das ist das Ende“, „Niemand Neues wird mir je mehr folgen wollen“, „Mein Klout-Score wird in den Keller rauschen“ (das natürlich nur dann, wenn der abgesprungene Follower einen eigenen, höheren Klout-Score als man selbst hat). Es soll tatsächlich Menschen geben, die das denken. Aber am Ende steht auch bei ihnen irgendwann die

Akzeptanz – „Sie ist weg“, „Et is wie et is“, je nun. War schön mit uns, aber nun ist es halt vorbei.

Das Spannende ist, nach Erreichen der Akzeptanzphase kommt die unmittelbare Aufwachphase, jedenfalls kam sie bei mir. Hier manifestieren sich die Erkenntnisse aus der Schuldgefühle-Phase, aber in positiver Hinsicht: „Stimmt, eigentlich sind unsere Interessen in den letzten Jahren ganz schön auseinandergegangen; er/sie/ich twittert/bloggt bzw. twittere/blogge nach wie vor dasselbe bzw. neuerdings über Sachen, die mich/ihn/sie eigentlich (wahrscheinlich) gar nicht interessieren (unzutreffendes bitte streichen). Und darum interessiert bzw. interessiere er/sie/ich sich/mich auch nicht länger für seine/ihre/meine Veröffentlichungen. Ist ja nicht schlimm, wer hat schon jahrelang 1:1 dieselben Interessen?“ Und plötzlich gehst du deinen Feedreader durch und kickst alle Blogs, deren Beiträge dich eigentlich seit Monaten nur noch nerven, obwohl du die Leute dahinter immer noch gut leiden magst. Und du entfolgst Leute, die irgendwie auch nichts mehr twittern, was dich selbst interessiert.

Parallel dazu gehst du erstmals seit langer Zeit aktiv auf die Suche nach neuen Leuten, denen du folgen möchtest. Scheißegal, ob sie dir zurück folgen, darum geht’s gar nicht. Du saugst gierig die neuen Tweets von ungewohnten Avataren auf. Du surfst die Blogrollen deiner Lieblingsblogs ab und dann deren Blogrollen. Ganz schön viele tote Links. Und du öffnest morgens wieder gespannt statt genervt den Feedreader. Erstmals seit Jahren, wie dir scheint. Die Botschaft ‚39 ungelesene Einträge‘ erfüllt dich mit Vorfreude statt dem Gedanken ‚oh Gott, das muss ich jetzt auch noch abarbeiten, ach, was soll’s, einfach alle als gelesen markieren und ich hab’ meine Ruhe‘.

Plötzlich hast du wieder mehr Spaß an diesem social Gedöns. Du willst wieder mehr relevante Sachen bloggen, also, für dich relevante Sachen. Dein Leben hat sich nämlich in den letzten Jahren ganz schön verändert, und das spiegelt dein Blog eigentlich gar nicht wider. Du formulierst im Geiste einige Einträge und fängst an zu schreiben. Du kopierst die Texte aus den angefangenen Blogeinträgen in ein Notizbuch, weil das dann doch irgendwie nicht so recht passen will im Blog. Aus ein paar Notizen werden viele Seiten. Zu lange Texte für ein Blog. Aber nicht zu lang für ein Buch. Du strukturierst Kapitel, denkst über Illustrationen nach, scribbelst Layouts, liest Freunden erste Kapitel vor. Erntest nützliches Feedback und machst weiter. Legst alles erst einmal wieder in die Schublade, weil du plötzlich einen neuen Job anfängst. Und so weiter, und so fort – beständiger Wandel, die einzige Konstante im Leben.

Und das alles nur, weil dein dicker Daumen das falsche Fenster geöffnet hat und enthüllte, daß dir XY nicht mehr folgt. Ein Dominostein nach dem anderen fiel um.

Cool. Und danke, XY.

Dieser Artikel hat 10 Kommentare

  1. Danke für diesen genialen Text. Habe mich (u.a. auch aus aktuellem Anlass) in vielen Punkten wieder erkannt.

  2. Och, schade.
    Ich dachte am Ende erfährt man wenigstens, wer der Mörder ist. War es der Gärtner?

    Ich finde mich da so gar nicht wieder. Ich bin bestimmten Leuten aktiv entfolgt. Es gibt viele, die mir nicht mehr folgen, aber ich ihnen, weil es mich interessiert, was sie schreiben.

    Die letzte Phase ist aber die beste, das stimmt. Mal wieder was anderes lesen, nicht immer den gleichen Kram.

    Oh, ich bin ja hier gelandet :-) Hier bleib ich mal ne Weile.

    • Es ist immer der Gärtner.
      Und natürlich habe ich auch diverse Leute in den letzten fünfeinhalb Jahren entfolgt und sie mich. Klar, und meist nicht mit großen Emotionen verbunden. Das hier beschriebene gilt natürlich nur für die Lieblingsdigerati.

  3. Danke. Ich habe nun endlich Klout begriffen. ;-)

    Ansonsten: .

  4. Guter Text. Und wahr. Aber Hand aufs Herz, welche Twitterer (außer mir) sind noch nach Lektüre dieses Texts nervös auf Twitter gegangen, um zu schauen, ob @e13kiki ihnen noch folgt?!

  5. Oder andersrum:

    Ich habe letztes Wochenende die Anzahl der Leute, denen ich auf Twitter folge, beinahe halbiert. Von irgendwas über 300 auf knapp 170.

    Das hatte eigentlich wenig mit den Twitterern und deren Tweets zu tun, als vielmehr mit mir selbst.

    Meine Timeline war einfach zu schnell und damit automatisch ziemlich irrelevant.

    Ob die Relevanz für mich jetzt gefühlt wieder steigt, kann ich nicht einschätzen … aber das geringere Tempo fühlt sich auf jeden Fall viel besser an.

  6. Vielen Dank für diesen Text. Ich habe mich sehr amüsiert.