Er war am Beginn seiner Karriere, als ich mit zehn Jahren in Spanien das Golfspielen kennen- und lieben lernte. Plakate mit seinem Schwung, dem berühmten „Reverse-C“, hingen im Proshop des noch neuen, relativ unbekannten spanischen Clubs Los Naranjos, auf dessen Platz ich 1979 mein erstes Handicap -36 erlangte. Zeitschriften mit seinem Schwung und Berichten über den sensationellen geteilten zweiten Platz des  damals 19jährigen Spaniers bei den Open in Royal Birkdale 1976 lagen herum und ich war fasziniert. Er war so jung, sah unverschämt gut aus, hatte ein strahlendes Lachen und seine ganze Ausstrahlung besagte: „Ich gewinne hier heute und morgen und übermorgen wieder.“

Er gewann  insgesamt fünf Majors und niemand spielte so inspirierend, so beflügelnd, so atemberaubend wie Seve. Er war beliebt in einem Land, in dem Golf in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle spielte und änderte das fast im Alleingang, gleich für den restlichen europäischen Kontinent mit. Wenn der Ryder Cup heute den Stellenwert hat, den er hat, dann dank Severiano Ballesteros und seines feurigen Spiels, auch in Partnerschaft mit seinem Landsmann José-María Olazábal. Die spanische Armada versenkte jeden US-Gegner. Er war unbestritten der Größte der ersten goldenen Generation der eurpäischen Golfer: Faldo, Langer, Woosnam, Lyle, Ballesteros – Seve hatte den Charme eines Arnold Palmers, die Kraft und Dynamik eines Jack Nicklaus, das Selbstbewußtsein und die Arroganz eines Tiger Woods. „Ich war lange vor Tiger Woods Tiger Woods“ hat er einmal gesagt.

Sein dynamischer Schwung ruinierte ihm schließlich den Rücken und ließ ihn in der Weltrangliste ins Bodenlose trudeln. Viele belächelten seinen Optimismus, es wieder nach ganz oben zu schaffen. Wann wird aus einer positiven „ich schaffe das“-Einstellung Selbstbetrug? Wer zu spät geboren wurde und Seve nie in seiner Blütezeit spielen sah, wird den Rummel um diesen Mann nicht verstehen und hatte nur Kopfschütteln für seine dickköpfige Selbstdemontage auf dem Platz übrig. 2007 erklärte er schließlich seinen offiziellen Rücktritt vom professionellen Golf.

Wer heute über Mickelsons in der Tat phänomenales kurzes Spiel staunt, hat vermutlich nie Seves Magie erlebt. Mein Ballmarker ist eine Gedenkmünze anlässlich seines Sieges bei den Open in St. Andrews 1984, als er wohl auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. Seine Kreativität kannte keine Grenzen, und obwohl er selten regulär das Fairway traf, zauberte er Schläge aus aussichtlosen Lagen tot an den Stock oder wenigstens aufs Grün. Als Junge hatte er heimlich nachts auf dem Golfplatz seiner Stadt geübt, auf dem er als Caddie nicht spielen durfte. Da er nur ein Eisen 3 besaß, spielte er eben damit jeden Schlag. Mit dem Sand Wedge kommt ja jeder aus dem Bunker, aber mit einem langen Eisen? Als er diesen Trick den Jungs auf der Tour zeigte, erntete er nur ungläubiges Staunen.

Ich sitze hier und mir tropfen nur so die Tränen auf meine Tastatur. Ich habe nicht wegen Seve mit dem Golfspiel angefangen, aber er war der prägende Spieler meiner Kindheit und Jugend und in jeder Hinsicht mein Vorbild auf dem Platz. Für mich ist und war er der faszinierendste Golfer aller Zeiten. Ich würde ohne Seve nicht so spielen wie ich heute spiele: aggressiv, immer optimistisch, gelegentlich katastrophal, gelegentlich beseelt, nur leider ohne das Talent und die Erfolgsbilanz meines Idols. Wenn mein Ball unmöglich im Wald liegt oder im Rough, dann schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel: „Heiliger Seve, verlaß’ mich jetzt nicht!“. In letzter Zeit brauchte er seine Kraft jedoch selbst. 2008 wurde bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert, er ertrug stundenlange OPs und Chemotherapie und kämpfte um jeden Tag wie früher ums Par. Letzte Nacht verstarb er im Alter von nur 54 Jahren.

Der König ist tot, es lebe der König!

Dieser Artikel hat 6 Kommentare

  1. Ich habe keine Ahnung, wovon Du sprichst – also so inhaltlich, aber: Puh.

  2. […] Wer mehr über Seve, den Spanier wissen möchte, lese bitte in der Nachbarschaft bei Kiki. […]

  3. […] schon getan und sogar wesentlich besser als ich es könnte (siehe hier: Der Linksgolfer und Kiki ) mit zwei Artikeln die ich Euch ans Herz legen möchte. Warum schreibe ich aber auch noch einmal […]

  4. […] P.S. Empfehlenswerte Artikel findet ihr unter anderem beim Linksgolfer, bei Kiki von E13. […]

  5. […] P.S. Empfehlenswerte Artikel über Severiano Ballesteros findet ihr unter anderem beim Linksgolfer und bei Kiki von E13. […]