In der Schweiz, zumindest dem französischen Teil,  schlecht essen zu gehen ist nicht leicht, wie mir scheint. Ob Frühstück, Mittagessen oder Nachtmahl, die Auswahl an gastronomischen Kleinoden ist riesig. Nicht nur in der Großstadt (wenn man Genf mit seinen 190.000 Einwohnern denn so nennen möchte), sondern auch und besonders auf dem Lande. Nur ein paar Autominuten aus Genf heraus und am See entlang kann man nachgerade mit verbundenen Augen auf die Karte tippen und wird garantiert mit dem Finger auf oder direkt neben einem kleinen Familienrestaurant, -café oder -Weingut mit Verkostungsangebot landen.

Wer die Westseite des Sees in Richtung Lausanne hinunterfährt, an den wunderschönen Dörfern Coppet, Founex und Céligny vorbei, weiter durch Nyon und nach Dully, der stößt dort bald auf die Auberge de Dully. Das kleine Hotel hat einen sensationellen Blick über den See und auf das Montblanc Massiv und ihm angegliedert ist ein uriges Restaurant mit rustikaler Einrichtung und einer Vielzahl von signierten Fotos der Promis, die in der Nachbarschaft wohnen oder wohnten; die Mehrheit unter ihnen Rennfahrer (Jackie Stewart, Schumi etc.). Es gibt eigentlich nur zwei Gerichte: Lammbraten oder Hühnchen, dazu als Beilage Rösti und grüne Bohnen. Vorweg gibt es einen exzellent angemachten kleinen grünen Salat, fertig. Wer jetzt denkt, das sei nicht wirklich eine spektakuläre Karte, der sollte ganz besonders dringend hinfahren und dort essen und anschließend Buße tun (wenn er nach dem üppigst bemessenen Mahl dafür noch Luft genug hat).

Wir waren zu dritt und entschieden uns umgehend für das Huhn, denn wir hatten von unserem Tisch aus Blick auf einen großen, offenen Kamingrill, vor dem sich vier Spieße mit jeweils ca. sechs goldgelben, knusprigen Vögeln drehten. Uns lief das Wasser im Munde zusammen, denn mit gummiähnlichen Wienerwaldgockeln und Imbissbudenflattermännern hatten diese Tiere garantiert null gemein, das sagte uns der erste Blick und vor allem unsere Nasen. Der Patron Nicholas Charrière nahm unsere Bestellung auf und empfahl uns noch einen guten offenen Roten aus dem Dorf dazu. (Sie haben einen sehr gut sortiereten Weinkeller dort, aber wir entschieden uns für die offene Variante, da ein Autofahrer unter uns weilte und die anderen beiden sich nicht in Form für die Vernichtung einer ganzen Flasche fühlten.)

Der Laden war proppenvoll, das Publikum absolut durchmischt: Junge und ältere Genießer, ganze Familien mit kleinen und pubertierenden Kindern, ein schwules Pärchen, ein Betriebsausflug an einem langen Tisch, ein Vierertisch mit Freundinnen – das volle Programm. Der Salat kam, ich probierte vorsichtig (ja, ich gebe zu: ich bin krüsch was fertig angemachten Salat angeht!). Es war ein simpler, frischer Kopfsalat, die Blätter zart und grün, das Dressing leicht und süß-sauer, es schmeckte wie selbst zusammengemixt. Kaum waren wir fertig, wurde das Huhn aufgefahren. Eine große, heiße Platte mit mundgerecht zerteilten Stücken, eines verlockender als das andere, knusprig-braun und butterzart im eigenen Saft schmorend. Unser Kellner legte vor und gab von dampfend heissem Rösti dazu, und auch die knackigen grünen Bohnen wurden gerecht verteilt. Ein Biss, ein kollektives MMMHHHH! und wir waren im siebten Himmel, zumal auch die Weinempfehlung ein Volltreffer war. Gutes Essen muss weder teuer noch exotisch sein, diese Binsenweisehit wird ja gerne immer wieder ignoriert und wir wurden also einmal mehr mit der Nase drauf gestoßen.

Es wurde unaufgefordert von allem immer wieder nachgelegt; wir vermuteten, man wolle uns ins Fresskoma treiben. Schließlich japsten wir um Gnade und baten um ein doggie bag, das uns auch ohne mit der Wimper zu zucken gebracht wurde. Nicht weiter verwunderlich, hatten wir doch die doggies mit dabei – darunter einen schwer verfressenen jungen Jack Russell, der sich an diesem Abend jedoch heldenhaft zurücknahm und nicht zu aufdringlich baggerte, was natürlich belohnt werden wollte.

Trotzdem blieb natürlich noch Platz für den Nachtisch: einen karamelisierten Kuchen mit Crémesahne obendrauf, so dünn gebacken wie ein Elsässer Flammkuchen und einfach himmlisch. Wir standen kurz vorm Platzen, zahlten mit leicht glasigem Blick akzeptable 120 CHF für alles zusammen und wankten sättigungsdumm lächelnd an die frische Luft.

Die Auberge de Dully hat unter der Woche abends, am Wochenende mittags und abends geöffnet und Mittwochs geschlossen. Eine Reservierung ist nicht nur zu empfehlen sondern absolute Voraussetzung, um einen der begehrten Tische zu ergattern: Tel. +41-(0)21 824 11 49.

Dieser Artikel hat 1 Kommentar

  1. Sättigungsdumm lächelnd….
    Fresskoma….
    Da kann man ja richtig neidisch werden.
    Große Gönnung.

    greetz