Als ich Anfang der 90er des letzten Jahrhunderts nach Ottensen zog, fragten mich manche, was ich in so einem Arme-Leute-Viertel wolle, noch dazu mit dem Kiez/St. Pauli in so gefährlicher Nähe. „Mottenbewohner“ waren Arbeiter, Punks und Alternative, ein paar Chaoten, gelegentlich Lehrer und andere Leute mit viel Freizeit und eher wenig Geld. Ich fand Ottensen einfach schön, war alles andere als ein Besserverdiener (oder ist das schon jeder oberhalb der hast-mal-ne-Mark-Grenze?) und genoß die Vielfalt des Viertels und daß die alte Heimat am anderen Ende der Elbchaussee nur 15 Minuten weit weg war – nur wenig weiter als mein neuer Job am Rödingsmarkt.

Altona und die verwahrloste Große Bergstraße lagen weit weg auf der anderen Seite der Max-Brauer-Allee; das Mercado war noch nicht gebaut aber es formierten sich bereits wütende Proteste ob der Pläne, den darunterliegenden jüdischen Friedhof umzubetten (etwas, das nach jüdischem Glauben ein absolutes no-go ist; dort heißt „letzte Ruhe“ noch tatsächlich letzte Ruhe, und nicht „letzte Ruhe bevor der Ruheplatz hier heiß und sexy für Investoren wird“). Ich wohnte in einer schon damals überteuerten nicht-isolierten 1,5 Zimmer-Altbau-Hochparterre-Wohnung mit einer Deckenhöhe von 2,15 Meter, über einem zugigen Hofeingang und mit einer Wohhnungstür, die eigentlich eine Zimmertür war – was sich als sehr praktisch herausstellte, als ich mich einmal versehentlich ausgesperrt hatte und sie wie im Krimi binnen Sekunden mittels einer Kreditkarte öffnen konnte. Das Bad war von der Sorte „wenn der Schlüssel im Loch steckt setzt die Luftzufuhr aus“ und hatte außer einem kaputten Boiler und dem Wasserdruck einer halbvollen Gießkanne nicht viel zu bieten.
Aber die Elbe war nur 3 Minuten Fußweg entfernt, Einkaufen war billig und vielfältig, die Leute freundlich und entspannt, Ladenketten gab’s kaum welche, hier war Einzelhandel noch Einzelhandel. OK, die Öko-Muttis nervten bisweilen mit ihren Caroline-Sophies und Jan-Christophers in 1000 DM teuren,mit Lammfellen gepolsterten Buggies, die sie nebeneinander vor dem Bioladen auf dem Bürgersteig parkten. Auch die BMW-3er-Fahrer mit Türkpop bis zum Anschlag und heruntergekurbelten Scheiben. Die Schmierereien an den Hauswänden waren von der Sorte, die selbst die hartgesottensten Sozialromantiker nicht mehr als Graffiti-Kunst bezeichnen würde.

Einige Jahre später zog ich um in eine schöne Maisonettewohnung eines Neubaus am Altonaer Balkon, blieb aber meinem Viertel und meiner Elbe treu. Allerdings hatten sich über die Jahre schleichend Änderungen eingestellt, die mir nicht behagten: das Mercado zog ein seltsames Publikum an, das es so vorher auf dieser Seite des Bahnhofs nicht gegeben hatte. Immer mehr kleine Läden mußten schließen, dafür gab’s immer mehr Cafes mit Latte Macchiato für 3-4 Euro den Becher. Immer mehr Ketten, mehr Billigheimer, Szeneklamottenläden. Es war noch schön, aber nicht mehr mein Ottensen. War es 10 Jahre zuvor noch ein angenehmes Mittel zwischen der (überwiegend) verwahrlosten Schanze und dem (ebenfalls zunehmend) Yuppisierten Eimsbush, erinnerte Ottensen nun schon mehr und mehr an Eppendorf. Das Mercado war gekommen und geblieben. In seinem Keller residierte die Elektrofachmarktkette Schaulandt (r.i.p.) und ein H&M, an einer Wand wurden dezente Plexiglastafeln mit den Namen der inzwischen trotz aller Proteste umgebetteten jüdischen Verstorbenen aufgehängt, die damit so unsichtbar wie möglich blieben um das Einkaufserlebnis nicht zu stören. Im Erdgeschoß wurde eine sündige Freßmeile aufgebaut, neben Filialen von seelenlosen Klamotten-, Parfum- und Buchhandelsketten. Im ersten Stock ging es weiter mit billigen Jeans und noch billigeren Schuhen und ganz oben gab’s dann immerhin noch die zuvor vom Ottenser Marktplatz rüde verscheuchte öffentliche Bücherhalle.

Und auf der anderen Seite des Bahnhofs? Dort wurde es fast stündlich düsterer. Die Große Bergstrasse verfiel geradezu live beim Zusehen. Billigmärkte, Second Hand Kleidermärkte, Lebensmitteldiscounter, jahrelange Leerstände in ehemals kleinen Boutiquen, auch das letzte „Einkaufshighlight“ Karstadt resignierte Ende 2002 und schloß seine Türen. IKEA will nun in einen leerstehenden Bürokomplex einziehen, bzw. einen neuen, wahrscheinlich noch hässlicheren Klotz (falls das überhaupt möglich ist) auf dem Gelände errichten. Und schon geht das Geschrei los: „Kein IKEA in Altona!“

IKEA könnte eine echte letzte Chance für diese verwahrloste Straße sein, die man eigentlich komplett abreißen müßte. Und natürlich ist die Verkehrsanbindung problematisch, denn Altona ist nun einmal überwiegend Wohngebiet. Aber es werden keine akzeptablen Alternativen vorgeschlagen. Und offenbar sind die Verkehrsfragen nicht so schwerwiegend wie die Befürchtungen, daß im Zuge der IKEAisierung Altonas die Yuppies einfallen könnten. Nun ja. Was mir an Ottensen nicht behagt, steht für Altona nicht zu befürchten. IKEA ist ja nun nicht gerade ein High-End-Einrichtungshaus à la Bornhold oder Gärtner. IKEA wird in in der Großen Bergstraße nicht den Untergang des Abendlandes einläuten. Denn das ist dort schon lange, lange untergangen. Obdachlose, fliegende Händler, Bettler, Junkies haben die Straße übernommen. Den Kopf eingezogen, den Blick starr geradeaus und fest auf das rettende Ufer jenseits des Bahnhofs gerichtet – so marschiert man schnellen Schrittes durch die Fußgängerzone, die de facto eine einzige Müllkippe ist. Aber vielleicht möchte ja mal wieder jemand dort einkaufen wenn IKEA ein paar weitere attraktive Geschäfte anzieht. Was wäre so schlimm daran?

Manche Leute leben ganz offenbar gerne im Müll, bzw. lassen alles verwahrlosen und nennen es dann „alternatives Leben“. Und wenn nur der Hauch einer Chance besteht, daß „Besserverdiener“ ein ehemals hübsches Viertel wieder saubermachen, renovieren und anschließend frisch gewaschen dort einziehen, dann heißt es gleich „Gentrifizierung! Aaaah! Wir werden alle sterben!“ Ich polemisiere hier ein wenig, okay. Aber ich bin zu erwachsen für einen Protest nur um des Protests willen, sorry.