Mittagspause

  • Veröffentlicht am 7th Januar 2009,
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Früher™ war es ein echtes Ereignis, in die Stadt zu fahren. „In die Stadt“ heisst in diesem Falle „in die Hamburger Innenstadt“. Als Elbvorortler fuhr man in die Stadt, in Barmbek fuhr man nache Stadt. Barmbeker Schwatzbacken fuhren nache Stadt hin. Ältere Damen fuhren auch schon mal im 36er („einmal Zuschlag, bitte“) nach Karstadt, mit dem bekannten Hamburger ’st‘ in der Mitte.

Inzwischen gibt es in den Elbvororten wie auch überall sonst Filialen vieler Geschäfte, derentwegen man früher™ in die Stadt gefahren ist. In der Vorweihnachtszeit gönnt man sich vielleicht noch mal die zugegeben schöne Lichterorgie allenthalben, aber meistens geht einem recht bald auf, daß es in der Stadt zu voll und zu teuer ist, man keinen Parkplatz findet für dessen zweistündige Miete man nicht mindestens eine Niere verkaufen muß und daß der so romantische Weihnachtsmarkt einen unnachahmlichen Duftmix aus Glühwein, Schmalzgebäck, Bratwurst und Käseschleim Raclette auf Haar und Kleidung hinterläßt. Muß man mögen, sowas.

Seit einiger Zeit arbeite ich in der Stadt, nur ein kurzes Par 3 einen Steinwurf von Karstadt entfernt. Heute schlenderte ich mittags über die Mönckebergstraße und fühlte mich seltsam desorientiert: Ich überlegte, welches die Highlights dieser Gegend gewesen waren, als ich noch zur Schule ging. Da gab es Sonnenberg, einen Plattenladen, der vom Keller bis zum Dachboden eine irre Auswahl hatte und bei denen ich häufiger als ich es mir eigentlich leisten konnte mit dem schwarzen Gold unter dem Arm herauskam. Was es dort nicht gab, gab’s dann eben bei Michelle Records ein paar Meter weiter (den gibt\’s immer noch, Halleluja). Sonnenberg hat Ende der 80er das Handtuch geworfen und nun sitzt der Modeladen Thomas-i-Punkt in dem hübschen Haus mit der goldenen Kogge auf dem Dach (das Hulbe-Haus); heutzutage leider ohne die Skateboardabteilung im Keller, aber andererseits hatten die dort eh nur Apothekenpreise und arrogante Grünschnäbel hinterm Tresen.

I-Punkt hatte früher™ seinen Hauptsitz in den Colonnaden, dort wo heute der Raumausstatter KA residiert. In dem Laden ha\‘ ich mir Mitte der 80er eine safrangelbe Leinenhose des hauseigenen Omen-Labels geleistet (sagen Sie jetzt nichts, Frau Hildegard) und später mein Sofa dort gekauft (letzteres allerdings bei KA und in weiß). Witzig, was einem so beim Staubwischen im Gedächtnis alles einfällt. Der Jugendableger von Thomas-I-Punkt war „Jun – Guys and Dolls“, ebenfalls in den Colonnaden, ein paar Meter weiter rein. Den Laden gibt\’s heute noch, allerdings hat er die Passagenseite gewechselt und residiert jetzt nach vorne raus, zum Gänsemarkt, neben Schlemmermeyer (den gab’s wiederum schon immer da) und dem UFA-Palast, den sie auch irgendwann abgerissen haben. Am Montag betont lässig mit dem Sportzeug in einer dieser schwarzen „Guys and Dolls“ Plastiktüten und dem Motiv des wild tanzenden 50er-Jahre-Pärchens darauf in der Schule aufzukreuzen galt als Gipfel des Elblettendaseins. Der Laden war schon immer schweineteuer, aber hatte die angesagten Marken – Chevignon, Fiorucci, Smith Latzhosen etc. Der Gänsemarkt ist übrigens vollständig von I-Punkt-Läden umzingelt; zwei weitere seiner Läden residieren dort (einer als TATE verkleidet).

Zurück zur Mönckebergstraße. Am unteren Ende, Ecke Rathausmarkt, hatte das lokale Käseblatt Hamburger Abendblatt im Commeter-Haus seine Geschäftsstelle. Als ich letztens Karten für das Weihnachtsoratorium im Michel holen wollte, stand ich fassungslos vor einer Starbucks-Filiale. (Wenn ich mir etwas wünsche, dann, daß sich die Erde auftut und alle Kaffeeketten der Welt auf einmal verschlingt. Vielleicht klappt ’s ja noch, ich muß einfach das nächste Mal daran denken, wenn ich die Geburtstagskerzen auspuste.)

Rund um den Mönckebergbrunnen hat sich nicht viel verändert. Burger King hat sicher schon bessere Zeiten erlebt, residiert aber seit Ewigkeiten in der ehemaligen Bücherhalle. Die Wurstbude „Mö-Griller“ gibt ’s auch schon lange. Wohlsdorff-Zigarren am Eingang zur Spitalerstraße auch. Danach ist allerdings nichts mehr, wie es mal war. Und besonders furchtbar ist, daß Brinkmann weg ist – Hamburgs legendäres technisches Kaufhaus. Das Fachpersonal dort war perfekt geschult, was die technischen Fragen der eigenen und der benachbarten Abteilungen betraf. Ein Service, der natürlich seinen Preis hatte. Anfang der 90er habe ich noch als Grafikerin in einer Handelsmarketingagentur „Brinkmanntapeten“ layoutet – die ganzseitigen Anzeigen im Abendblatt, bei denen der Fokus mal auf weißer, mal auf brauner Ware lag und die mich lehrten, Quark XPress zu hassen. Tja, das eherne Gesetz des Handelsmarketing: Schweinebauch ist Pflicht, Chrom ist Kür. Ein paar Jahre später mußte Brinkmann Insolvenz anmelden. Nicht aufgrund meiner gestalterischen Künste, möchte ich eiligst anmerken. Nein, die Ursache war viel banaler: Da Geiz bekanntlich so geil und ‚man ja nicht blöd‘ ist, ließen sich die Leute natürlich bei Brinkmann beraten und wanderten dann zum Elektroniksupermarkt.

„Die Schallplatte am Mönckebergbrunnen“ am Eingang zu dem, was sich heute „HSH Nordbank Passage“ nennt, war ein weiteres Fachgeschäft in der Gegend das Apothekenpreise aufrief aber mit bestens geschultem Personal aufwarten konnte. Meine heiss geliebte West Side Story Soundtrack LP stammt von dort; sie kostete 1981 unverschämte 22 DM, aber stand im Regal. Bei meinem Vinyl-Dealer in Blankenese (Radio Oesterlin, die Älteren unter uns werden sich erinnern) war sie nur auf Bestellung zu haben, und drei Wochen wollte ich nicht warten. Heute teilen sich eine Kamps-Filiale und ein E-Plus-Laden die Räumlichkeiten.

In der Ladenpassage dahinter (die unlängst in den Schlagzeilen war, weil irgend so ein Laden mit kackbraunen Klamotten dort auf- und ratzfatz wieder zugemacht hat) gab es unten, hinter der Rolltreppe einen Laden mit Comics und Comix aus aller Welt. Marissal residierte auf einer Ladenfläche die der einer Litfaßsäule von innen glich, aber meine Herren, was hatten die für ein Angebot! Man konnte stundenlang unbehelligt schmökern und ich ließ auch dort einen guten Teil meines Geldes. Auch diesen Laden gibt es nicht mehr; ich habe schon wieder vergessen wer dort jetzt sitzt.

Dann bin ich rasch ins Büro zurückgekehrt. Meine Mittagspause war vorbei, mir war kalt und ich hatte Heimweh. Aber demnächst schaue ich mir die Gegend zwischen Spitalerstraße, Ballindamm und Hauptbahnhof mal näher an.