Blade Runner

  • Veröffentlicht am 3rd Juli 2008,
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Den Sommer 1982 verbrachte ich bei Freunden in einem Kaff in Maryland, unweit von Washington, D.C.. Außer Baseballspielen von morgens bis abends, oder die wunderbar breiten und Babypopoglatten Kleinstadtstraßen und Garageneinfahrten mit dem Skateboard abzusurfen gab es dort für uns Kinder herzlich wenig zu tun. Heimvideospiele waren gerade erst aufgekommen, aber wir hatten bei schönem Wetter gefälligst draußen zu spielen – nicht im Keller vor der Glotze zu kleben und uns um diese komischen Fernbedienungen zu kloppen. Ausserdem hatten die Erwachsenen rasch die Nase voll von den Geräuschen von PacMan und SpaceInvaders. Computer waren ohnehin in Privathaushalten weitgehend unbekannt. Das absolute Highlight war nach wie vor das Kino. Es kostete zwei Dollar für unter-sechzehnjährige und wer dreimal die Woche ging, kam beim vierten Mal umsonst rein. Das war natürlich eine Gelegenheit, die wir uns nicht entgehen liessen.

Das Kinoprogramm von 1982 war ziemlich gut, um nicht zu sagen: Sensationell, jedenfalls mit dem Output unserer Tage verglichen. Wir sahen nacheinander E.T., Tron, Poltergeist, den Trailer zu John Carpenters Remake von The Thing (in den Film selbst liess man uns nicht, da wir noch zu jung waren – eine Entscheidung, die ich Angsthase keinesfalls bedauerte), An Officer And A Gentleman, Firefox und schliesslich noch einen Trailer, bei dem mir der Mund offenstehen blieb.

Diesen Film musste ich sehen. Das Problem war nur: Er lief nicht bei uns am Ort. Was ich damals noch nicht wußte und auch rückblickend nur abstrakt nachvollziehen kann: Der Film war der totale Flop; kein Kino wollte ihn. Und er war, genau wie Carpenters The Thing, „rated R“ – also nur für Erwachsene, bzw. ab 17. Wir waren 12, 14 und fast 15 Jahre alt und konnten uns daher nicht mal heimlich das Auto klauen und nach Washington reinfahren – keiner von uns hatte einen Führerschein oder konnte autofahren. Öffentliche Verkehrsmittel gab es keine.

Die Rettung kam unerwarteterweise in Gestalt des Familienvaters Bob, der den Film auch unbedingt sehen wollte und in D.C. im Außenministerium arbeitete. Was er dort machte, wollte er uns nicht sagen. Seine Kinder hielten ihn für James Bond (nunja, ein James Bond mit Halbglatze und Brille) und er liess sie nur zu gerne in dem Glauben. Seine Frau liess sich nicht ganz so einfach beeindrucken und holte ihn gern trocken auf den Boden des Familienlebens zurück: „I’d be very impressed if double-oh-seven let the dog out before the poor thing relieves herself on the living-room carpet…“

Bob schlug also eines Morgens beim Frühstück vor, uns Kinder seinen Arbeitsplatz zu zeigen und uns anschliessend in die National Gallery of Art zu schicken, die Impressionisten anzuschauen. Wir täuschten stark schaumgebremste Begeisterung vor („oh maaaan, can’t we play Asteroids instead?“) , und somit schöpfte seine Frau auch keinen Verdacht sondern freute sich, die Bande mal aus dem Haus zu haben.

Nach einer halbstündigen Führung durch Teile des Außenministeriums (gähn) und einem Schweinsgalopp an Monets und Degas’ Werken vorbei landeten wir in einem Kino, dessen Kartenabreisser dank eines saftigen Trinkgelds keine lästigen Fragen nach unserem Alter stellte. Wir stopften Popcorn in uns hinein, lachten u.a. über den Tootsie Trailer, stöhnten über die blöde Werbung und sahen schliesslich Ridley Scotts visuelles Meisterwerk. Ich konnte kaum glauben, was ich da sah – die Bilder waren eklig, unheimlich, furchteinflössend, abstossend, wunderschön, faszinierend, nachhaltig verstörend. Ich konnte der Handlung zwar nur bedingt folgen, aber mir war instinktiv klar, daß wir vier hier gerade ein Stück Filmgeschichte sahen.

Nur wir vier. Wir waren völlig alleine im Kino. Niemand außer uns wollte den Film sehen. Das Ende gefiel mir, obwohl es sich sehr falsch anfühlte. Ich wollte das Happy End, auch wenn ich wußte, daß es eigentlich keines geben durfte.

Wir fuhren ziemlich schweigsam nach Hause, jeder hing so seinen Gedanken nach. Zuhause gaben wir Kinder vor, ziemlich müde zu sein und ins Bett zu wollen („all that art makes you tired, mom …“). Mom sagte zwar nichts, aber ihre misstrauischen Blicke in Richtung Bob sprachen Bände.

Etwa 15 Jahre später sah ich erstmals den vorgeblichen Director’s Cut des Films, der das fake happy ending durch ein deutlich finstereres ersetzte, die unsäglichen Voiceovers rauswarf und u.a. durch eine neu eingefügte Einhorn-Szene andeutete, daß Deckard selbst ein Replikant ist. Daß der Film damit „ein völlig neuer Film“ wurde, wie viele Kritiker und Fans meinten, kann ich zumindest für mich nicht bestätigen. Die Frage, ob Deckard „echt“ ist oder nicht hatten wir in den Tagen nach unserem geheimen Ausflug damals erschöpfend diskutiert und waren genau wie er zu dem Schluß gekommen, daß es letztlich keine Rolle spielte.

Ich mag den Film nach wie vor nicht besonders und finde ihn über weite Strecken sogar recht langatmig. Vangelis’ Musik grenzt hart ans Unerträgliche in meinen Ohren und hat mir auch schon Chariots of Fire für immer versaut. Trotzdem sehe ich ihn mir immer wieder gerne an. Ich werde nie ein Fan dieses Films werden, aber wurde damals zum Ridley Scott Fan. Kein Regisseur unserer Zeit hat so viele visuell beeindruckende und stilistisch wegweisende Filme geschaffen, die einen fast immer auch irgendwo berühren. Fast jeder Sci-Fi Film (und eine Menge andere Genres) hat sich ausgiebig beim Production Design von Blade Runner bedient; nur wenige habe dann darauf noch etwas eigenes gesetzt (wie z.B. die Matrix-Schöpfer).

Blade Runner ist kürzlich in einer sehr umfangreichen DVD-Box komplett restauriert als „The Final Cut“ erschienen. Mit im Paket sind der Theatrical Cut den ich 1982 in den USA gesehen habe, der International Theatrical Cut, der Director’s Cut und ein erster Workprint sowie Tonnen von Bonusmaterial. Eine für jeden Filmfan lohnenswerte Anschaffung, mit der man mühelos ein verregnetes langes Wochenende (wie dieses) rumkriegt.

Man kann natürlich auch ins Museum gehen.