Meine Spiekonsole

  • Veröffentlicht am 28th November 2007,
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“It’s all in the grind, Sizemore. Can’t be too fine. Can’t be too coarse. This, my friend, is a science.”

Specialist Grimes hatte absolut recht. Den richtigen Kaffee zu kochen ist eine Wissenschaft für sich – und ja, es liegt zu großen Teilen am richtigen Mahlgrad. Eine Espressomaschine nützt Null ohne eine anständige Mühle. NB: Alle Padbenutzer, Kapselsystemfreunde und sonstige Sparbrötchen bitte weglesen. Mit Espressomaschine meine ich nicht so einen Keime magnetisch anziehenden Tausend Euro teuren Schweizer Plastikpott von Vollautomaten. Keine Maschine mit Zwangsabriegelung nach ein paar tausend Tassen, die einen zum kostenpflichtigen Checkup in die Vertragswerkstatt nötigt. Ich rede von einer Siebträgermaschine. Old school stuff. Nix für Tennisspieler und Stiftung-Wadenfest-Leser.

Ich trinke leidenschaftlich gern Espresso und Cortado, zum Frühstück auch mal einen schönen Milchkaffee. Die Anschaffung einer Espressomaschine lag also auf der Hand, zumal der letzte fähige Barista in meiner Nähe vor zwei Jahren mit Sack und Pack ins Ruhrgebiet geflohen ist und ich die Plörre aus den ganzen 08/15-Ketten, in denen man für einen lieblos hingerotzten, lauwarmen Latte Macchiato fast 4 Euro berappen soll, echt nicht länger ertragen konnte.

Also habe ich meine lieben Talerchen nach ausführlicher Recherche in eine italienische Spielkonsole namens Rancilio Miss Silvia gesteckt, ihr eine spanische Demoka Mühle zur Seite gestellt und mich ganz teutonisch ans Üben gemacht. Ja, richtig gelesen: der perfekte Espresso bedarf (wie alles, was besser als gut werden will) der Übung. Die Mühle will richtig eingestellt sein, damit die Bohnen (frisch geröstet, möglichst vor nicht länger als einer Woche oder zwei) in genau der richtigen Konsistenz in den Siebträger gemahlen werden. 7g Bohnen für eine Tasse Espresso; 14g für einen doppio. Das Kaffeemehl muss richtig getampert sein – mit einer Art Stempel, der genau in den Siebträger passt und Tamper genannt wird, mit nicht zu leichtem, nicht zu festen Druck gepresst. Das Wasser muss die richtige Temperatur haben, wenn es mit dem richtigen Druck und in der richtigen Geschwindigkeit durch das Kaffeemehl gepresst wird. Wenn eine Komponenten nicht stimmt, schmeckt der Kaffee bitter oder plörrig, ist nicht heiss genug oder hat keine Crema.

Hat man den Bogen beim Espresso raus und will auch mal einen Cappuccino oder Latte Macchiato servieren, kann man sich daran machen das Milch aufschäumen zu erlernen. Die Milch sollte so kalt wie möglich sein und nicht unter 3.5% Fett haben. H-Milch verbietet sich von selbst. Außerdem sollte man die Tülle mit dem heissen Dampfstrahl nicht zu tief in das idealerweise leicht konische Milchkännchen stecken, sonst wird das nichts mit feinem Milchschaum. Dann gibt’s nämlich entweder große Blubberblasen oder zu heisse Milch oder Bauschaum.

Es hat rund anderthalb Kilo Kaffee gedauert bis ich den Bogen raushatte, aber seither ist mein Espresso ein Gedicht, ach, was red’ ich – ein Sonett! Frisch geröstete Bohnen gibt’s in Hamburg z.B. bei Carroux (warum die auf ihrer Website den Times Square vorschieben obwohl sie in Blankenese an der Elbchaussee residieren, ist mir allerdings nicht klar; das scheint eine ganz neue Art von Understatement zu sein) oder bei Elbgold (in Winterhude) – man muss also nicht auf die Supermarktware vertrauen oder bis Italien fahren.

In der Bahn

  • Veröffentlicht am 27th November 2007,
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Der Typ mit den blitzblanken schwarzen Budapestern, der Jack Wolfskin Funktionsjacke und der NY Yankees Baseballmütze vertieft sich in das Büchlein den Thriller Alles über die Sony Weltempfänger. Ich wette, er kennt nicht einen Yankee-Spieler.

Der Penner schlurft rein und fragt „’schuldigung, haste mal zehn oder zwanzig cent?“ Während ich mich über die neue Bescheidenheit wundere und überlege, ob ich mir ein paar Karmapunkte erkaufen soll, drückt ihm jemand einen Euro in die Hand. Der Penner fragt ihn, ob er auch das Zwei-Euro-Stück haben könne, das er im Portemonnaie des Spenders erspäht hat. Ich beschließe, auf Karmapunkte zu verzichten.

Neben mir lehnt ein Typ mit fetten DJ-Kopfhörern auf den Ohren, aus denen irgend ein Technobrei lärmt, den ich bis durch meine in-ear-speaker höre. Eine Mittfünfzigerin dreht sich empört um und bedeutet mir, gefälligst leiser zu stellen. Ich ziehe vor ihren Augen den Klinkenstecker aus meinem iPod, aber lasse die Stöpsel in den Ohren. Der Lärm hält an. Sie ist völlig verwirrt. Ich deute auf die Micky-Maus-Ohren meines Nachbarn. Ihr Blick ist Gold wert.

Ab und OK

  • Veröffentlicht am 24th November 2007,
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Ich finde es ja immer sehr erheiternd, wenn Leute das Wort abnicken benutzen um auszudrücken, dass irgend jemand zu irgend etwas seine Zustimmung gegeben hat. Ich glaube, kaum jemand kennt den Ursprung dieses Begriffs. Mit dem sog. Nicker, einem langen und schweren Messer, gibt der Jäger einem waidwunden Stück (Reh)Wild den Gnadenstoß ins Genick, oberhalb des gemeinhin für das Nicken zuständigen oberen Halswirbels, um es von seinen Leiden zu erlösen.

Andererseits: Abgenickt ist abgehakt, nächstes Thema.

Zehn Filme, die ich nicht noch einmal sehen will

  • Veröffentlicht am 15th November 2007,
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Der AV Club hat letztens eine Liste mit 24 Filmen veröffentlicht, die zu schmerzhaft anzuschauen sind um sie mehr als einmal durchzustehen. Und nein, es geht dabei nicht um schlechte Filme. Meine eigene Liste sieht – trotz einiger Überschneidungen – etwas anders aus. Hier sind zehn wirklich sehr gute Filme, die trotzdem fast unerträglich anzuschauen sind:

Platz 10: Kids (Larry Clark, 1995)
Der coole Skateboarder Telly versucht, soviele Mädchen wie möglich zu entjungfern, das ist sein Verständnis von sicherem Sex. Eine seiner Eroberungen stellt hingegen fest, daß sie sich bei ihrem “ersten Mal” mit Telly HIV eingefangen hat und versucht nun alles, um sein nächstes Opfer zu warnen – vergeblich. Die Geschichte dieser New Yorker Kinder, die hoffnungs- und perspektivlos versuchen, noch früher erwachsen zu werden als es ihnen ohnehin vorbestimmt ist, stimmt einen ja dann doch schon depressiver als unbedingt nötig.

Platz 9: Dogville (Lars von Trier, 2003)
Wenn man nach den ersten faszinierten Schrecksekunden („WTF??? Bin ich hier im Thalia Theater oder was?“) über die kahle Inszenierung hinweg ist, befindet man sich schon inmitten einer schmerzhaften Geschichte über Außenseiter, Gruppenzwänge und Rachsucht, dargestellt von Kidman, Bacall, Bettany und einer Reihe von weiteren brillianten Darstellern. Das Ende dieser tour de force durch die menschlichen Abgründe hinterlässt einen emotional ausgelaugt und leer. Ein Spitzenfilm, den ich bitte nie wieder sehen möchte.

Platz 8: Trainspotting (Danny Boyle, 1996)
Ich habe diesen Film in einem schottischen Kino gesehen und trotz recht solider Schottischkenntnisse wenig bis gar nichts verstanden. Daß Drogen nicht wirklich gesundheitsfördernd sind, war mir zwar bewußt, und auch die ins-Klo-tauch-Szene wußte ich aus der cinephilen Perspektive durchaus zu goutieren. Aber die Szene mit dem Baby hätt’s dann doch nicht gebraucht, danke der Nachfrage.

Platz 7: Se7en (David Fincher, 1995)
Etwa fünf Minuten nachdem ich damals das Kino betreten hatte und die inzwischen berühmten und häufig kopierten credits liefen, wußte ich: Das wird hart. Das ist nichts für meine zartbesaiteten Nerven. Und ich behielt recht – während sich John Doe auf der Leinwand durch die sieben Todsünden metzelte, versank ich immer tiefer in meinen Sessel. Aber wegsehen oder gar gehen konnte ich auch nicht. Das Ende fand ich ziemlich vorhersehbar (was wahrscheinlich auch eine Menge über meinen Geisteszustand aussagt), aber deswegen nicht weniger beeindruckend. Die Szene in der das Opfer der Trägheit plötzlich hustet, gehört noch vor Norman Bates’‘ Mutter und sogar dem Alien, das dem armen Kerl beim Frühstück aus dem Brustkorb hüpft, zu den ewigen Top 10 meiner Herzinfarktgefährdenden Filmszenen. Ein Film, den ich niemals wieder sehen will (und seit dem Kinobesuch damals auch nicht wieder gesehen habe).

Platz 6: Leaving Las Vegas (Mike Figgis, 1995)
Alter Schwede, es gibt ja so einige Drogen- und Säuferballaden in der Filmgeschichte, aber diese hier geht schon reichlich an die Gräten. Nicholas Cage in einem seiner zweieinhalb guten Filme und Elisabeth Shue (die ich merkwürdigerweise immer mit Robin Wright Penn verwechsele) würde ich auch gern mal wieder in einer ähnlich guten Rolle sehen.

Platz 5: The Beguiled (Don Siegel, 1971)
Hier lässt sich gut erkennen, wo sich Stephen King bei „Misery“ hat inspirieren lassen… Ein düsterer Film, kein schöner Film, aber sehr sehenswert das Kammerspiel zwischen einem jungen Eastwood und Geraldine Page. Dennoch nichts, was man zweimal sehen möchte.

Platz 4: The Cook, the Thief, her Wife and his Lover (Peter Greenaway, 1989)
Greenaways Filme finde ich ja generell schwer verdaulich, aber der hier schießt den Vogel ab. Helen Mirren ist sexy as hell und Michael Gambon darf inbrünstig gehasst werden, aber die Attacken auf die Seele des Zuschauers sind so irrwitzig, daß ich mir nicht vorstellen kann, diesen Film noch einmal anzuschauen.

Platz 3: Spoorlos (George Sluizer, 1988)
Bernard-Pierre Donadeau Donnadieu werde ich niemals wieder in einem Film sehen können, ohne schreiend davonzulaufen. Ansonsten – ich bin Klaustrophobiker. ‘nuff said.

Platz 2: Requiem For A Dream (Darren Aronofsky, 2000)
Das muß der härteste Film in meiner Sammlung sein. Das Ende ist fast unerträglich anzuschauen und das direkte Ticket in eine 1-a-Depression.

Platz 1: Eraserhead (David Lynch, 1977)
Ich glaube nicht, daß es hier noch einer Begründung bedarf. Man wird nie wieder mit demselben Enthusiasmus „Yeah, baby!“ rufen können, wenn man den gesehen hat. Lynch macht echt kranken Scheiß und hat auf seiner durchaus faszinierenden, wenn auch sehr langsam ladenden Website übrigens auch ganz tolle Buttons zum Film. (Stay tuned für meine Review der Twin Peaks Gold Box – demnächst hier.)

Our House

  • Veröffentlicht am 7th November 2007,
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Du weißt du hast die richtige Ärztin, wenn du dich zwecks der Abhöraktion auspellen sollst, dabei dein “Everybody Lies” T-Shirt zum Vorschein kommt, sie dir das eiskalte Stethoskop auf den bibbernden Rücken presst während du rasselnd ein- und ausatmest, und sie abschliessend mit todernstem Blick sagt: „Nun, es ist kein Lupus.“