Süßes

  • Veröffentlicht am 31st Oktober 2007,
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Graf Dracula freut sich, mich zu sehen. Er rückt sich die Brille zurecht und fragt: “Sehe ich cool aus?”

“Sehr beeindruckend”, bestätige ich ihm. Zufrieden stürzt er seinen Freunden – zwei axtbewehrten Zombies – hinterher. Die klingeln schon mal dort Sturm, wo ein grinsender, mit flackernden Teelichtern beleuchteter Kürbis anzeigt, daß die Bewohner gewillt sind Süßes herauszurücken um Saurem zu entgehen.

Sein kleiner Bruder (3) trägt ein viel zu großes schwarzes Overall über seinen drei Pullis, der Strumpfhose und den Jeans, auf das ein Skelett aufgemalt ist. Die FC St. Pauli Skimütze seines großen Bruders, die mit dem obligatorischen Totenkopf vorne drauf, hat er sich tief ins Gesicht gezogen und versteckt die goldroten Locken, die normalerweise seine Wangen umrahmen. Diese sind heute vor Aufregung, Kälte und Müdigkeit rot angelaufen. In der kleinen Faust hält er einen winzigen Stoffbeutel, der schon recht gut mit Naschwerk gefüllt ist.

Graf Dracula und die Zombies kehren zurück. “Die Frau hat gesagt, wir dürfen uns soviel nehmen wie wir wollen. Ich habe zwei Teile genommen, ok?” Er schaut mich fragend an und steckt seinem kleinen Bruder ein Schokoladentoffee in den Beutel. Der lächelt glücklich. Er vergöttert den Großen.

Ich auch.

Old School Rant – FORE!

  • Veröffentlicht am 31st Oktober 2007,
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‚Ich spiele gerne und haeufig Turniere, meist vorgabewirksam, gelegentlich mal einen entspannten Vierer. Zum einen, weil mir ein gewisser Ehrgeiz nicht fremd ist, aber hauptsaechlich, weil die Plaetze heutzutage so bruellvoll mit Neugolfern ohne jegliche Etikette- geschweige denn Regelkenntnisse sind, dass ich mich auf Privatrunden langsam aber sicher jedes Mal am Rande des Amoklaufs bewege. (Unter uns: wer die Golfregeln nicht kennt, soll meinetwegen auf Nordic Stalking Walking umsteigen. Da kann er auch mit langen Stoecken planlos durch die Lande ziehen und sich zum Affen machen, aber eben ohne echte Golfer dabei zu nerven.)

“Play the ball at it lies. Play the course as you find it. And if you can`t do either, do what is fair.”

Heute erst hatte ich wieder ein paar solcher Exemplare, die in Sachen Regelkunde voellig unbefleckt und auch lernresistent waren. Golf ist ja bekanntlich der einzige Sport, in dem man sich binnen Sekunden zum meistgehassten Menschen machen kann, indem man die Regeln kennt und anwendet. Regelignoranten sind meist auch sehr schlecht in Mathe, besonders in der Addition, und sie leiden haeufig auch unter selektiver Amnesie: Schlechte Schlaege werden schlicht “vergessen”. Nicht immer, aber meist von Anfaengern mit Handicap 54-36.

Sorry, aber “Handicap 54” ist keins, das ist eine Clubvorgabe, besser gesagt: Platzreife. Leute, die Platzreife als Handicap bezeichnen, haben diese eher selten im eigentlichen Sinne des Wortes, aber sie haben ihre Aufnahmegebuehr bezahlt und einen meist happigen Jahresbeitrag, dem Pro ein paar Scheine zugesteckt und sich all die Schlaeger gekauft, deren Hersteller die Anzeigenabteilungen und Redaktionen der deutschen Hochglanzklopapiere zum Thema Golf schmieren. Es ist ein bisschen wie bei Gelaendewagen- und Luxuslimousinenfahrern: Das Ding war teuer und die Vorfahrt ist ergo im Preis mit drin. Der Neugolfer ist happy, er darf nun offiziell den grossen Rasen umpfluegen, statt immer nur auf dem Übungsgelaende seine kostbare Zeit zu vertroedeln. Der Club ist happy, denn er hat ein weiteres zahlendes Mitglied gewonnen (ein Platz kostet ein Vermoegen im Unterhalt) und das springt ihm wieder ab, wenn es nicht schnell genug auf die Runde darf. Der Verlierer dieser Rechnung ist der Golfsport und der echte Golfer, der seinen Sport so betreiben moechte, wie er betrieben sein will.

Ach ja, die Zeitfrage. Golf ist ein sehr zeitintensiver Sport. Eine Runde, also 18 Loch, dauert idealerweise 3 – 3,5 Stunden, wenn man zu dritt spielt. Nimmt man die An- und Abreise dazu, die halbe Stunde Aufwaermen vor und das Bierchen nach der Runde dazu, ist man rasch bei 5-6 Stunden angelangt. Im Idealfall, wohlgemerkt. De facto sind es eher 6-8 Stunden. Und da wundern sich manche, warum der Sport als Rentner- und Ärztesport verschrieen ist. Wer hat schon so viel Zeit? Um also die Massen auf die Fairways zu locken und bei der Stange zu halten, gibt es jetzt seit ein paar Jahren vorgabewirksame 9-Loch-Turniere, also halbe Runden. Ist ja auch weniger anstrengend. Ich warte ja auf den Tag , an dem das Championsleague-Finale auf zweimal 20 Minuten verkuerzt wird, dauert ja sonst so lange.

Als ich anfing mit diesem schoenen Sport, war er noch recht elitaer: Es gab ca. 140 Clubs in Deutschland, auf deren Fairways sich knapp 36.400 Golfer tummelten. Wahrscheinlich waren es tatsaechlich sogar eher weniger, denn auch ein Golfclub hat natuerlich – genau wie ein Fitnessstudio – nicht nur aktive Mitglieder, sondern natuerlich auch passive Karteileichen. Man kannte sich und seine Eigenheiten. Man hielt auf Etikette, was genaugenommen nichts anderes als eine hochtrabende Bezeichnung fuer gute Kinderstube und gesunden Menschenverstand ist: Man tue moeglichst nichts, um den anderen waehrend seines Schlags zu stoeren (etwa mit der Bonbondose klappern) und stelle sich nicht so dumm hin, dass man Schlaeger oder Ball des anderen abkriegt. Falls man – meist versehentlich – so weit geschlagen hatte, dass der Ball unmittelbar hinter den Hacken der – mitunter sehr langsam – vor einem spielenden Spieler einschlug, rief man erst laut FORE! (das heisst uebersetzt so viel wie “Volle Deckung, mein Ball kommt!”) und ging anschliessend hin und entschuldigte sich, gerne auch mit einem Drink nach der Runde. Heute ruft niemand mehr FORE!. Wer getroffen wird, hat halt Pech gehabt und war eben nicht schnell genug weg; die lahme Kruecke haette ja durchspielen lassen koennen. Survival of the fittest, baby. Heul doch.

Heute verteilen sich laut DGV Statistik 530.000 Mitglieder auf 736 Clubs. Und Karteileichen gibt es kaum noch, alle wollen spielen. Echte Clubs, von Mitgliedern gefuehrt, aufgebaut und finanziert, gibt es auch kaum noch, heute gibt’s Betreibergesellschaften mbH und sogar AGs. Die schreiben sich laut “Golf fuer alle” auf die Fahnen und werben damit, dass man nicht so snobby sei wie die verstaubten Dinosaurier, die noch mit so altmodischem Krams wie Buergen und einer Kleiderordnung arbeiten. Nunja, wenn sich ein kleiner Haufen sportbegeisterter Leute zusammensetzt und fuer das gemeinsame Ziel, einen Golfplatz, die Baugenehmigung und Finanzierung stemmen will, dann schaut man sich seine Mitstreiter natuerlich sehr genau an. Klar, es ist verlockend wenn Hans Neureich mit dem Scheck wedelt, und neue Umkleiden und Duschen waeren auch sehr schoen. Aber Hans Neureich will dann leider auch mal mitspielen, und will man wirklich drei bis fuenf Stunden in seiner Gesellschaft verbringen? Und was die Kleiderordnung (ein Hemd mit Kragen, lange Hosen (die uebrigens nicht zwingend kariert sein muessen) oder ueber das Knie reichende Bermudas, keine T-Shirts, keine Jeans, keine aermellosen Tops oder Muscleshirts) betrifft: Wo ist das Problem? Im Judo oder Karate will man auch niemanden in Jogginghose und T-Shirt sehen und in Wimbledon hat man vor Jahren Andre Agassi mal in die Umkleidekabine geschickt, weil er nicht in weiss sondern in kreischbunt aufschlug; jeder Sport hat seine Kleiderordnung, die meist praktischen Gesichtspunkten folgt. Ein Golfer verbringt eine Menge Zeit in der Sonne und mitunter auch im hohen, zeckenbewehrten Gras. Ein (Polo)Hemd mit einem den Nacken schuetzenden Kragen und eine lange Hose sind nicht nur stilsicher sondern auch sehr sinnvoll.

„Aber Tiger traegt auch oft nur ein T-Shirt!“ schallt es protestierend von den Wiesen. Junge, wenn du so spielst wie Tiger, dann darfst du das. Siehst zwar immer noch peinlich aus, aber hey, als bestbezahltester Sportler der Welt stoert’s dich nicht. Tiger & Co. studieren auch stundenlang die Puttlinie (ganz gross und zugegebenermassen huebsch anzusehen darin ist Spiderman Villegas), eine weitere Unsitte, die aus dem Pro-Golf in den Amateurbereich geschwappt ist. Jungs und Maedels: a) spielen wir im Vergleich zu den Pros auf Kartoffelaeckern, wo ein Pi mal Daumen meist reicht; b) erkennen die meisten von euch einen Break in der Puttlinie nicht, wenn er Euch in den Arsch beisst und c) ist noch kein Ball reingegangen, weil man ihn zuvor markiert hat.

Scare Card

  • Veröffentlicht am 24th Oktober 2007,
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Nachmittags. Das Telefon klingelt. “Hallo?”

“Ich bin in der Buchhandlung. Papa hat gesagt ich darf mir ein Buch aussuchen, weil ich vergessen habe eins mitzunehmen. Ist der erste Harry Potter Band schon etwas für mich?”

Ich überlege fieberhaft. Worum ging’s da nochmal?  “Äh…”

“Und ich habe Pokernkarten!”

“Ja, ich weiß, du schenkst mir ja immer welche.”

“Nein, nicht Pokémon – Pokern! Wenn Du kommst, dann pokern wir, ja?”

Warum habe ich das Gefühl, ich sei in einem surrealen Film?
“Können wir machen… worum pokert Ihr denn?”

“Um Smarties! Warte, ich geb’ Dir mal Mama.”

Nach kurzem Überlegen stimme ich für den Kauf des Buchs. Wer alt genug ist, um Smarties zu pokern ist auch alt genug für den, dessen Name nicht genannt werden darf.
Abends klingelt das Telefon erneut. “Hallo?”

“Ich wollte Dir nur gute Nacht sagen. Und, äh, also der mit der komischen Nase, die nicht wie bei Menschen ist, also der ist ganz schön böse, oder?”

“Ist er, ja.”

“Der hat Harry Potter auch die Narbe gemacht, oder?”

“Hat er.”

“Morgen kommst du, oder?”

“Übermorgen. Noch zweimal schlafen.” Ich verkneife mir den Zusatz so wie beim Christkind.

“Gute Nacht. Bring’ Smarties mit!”

“Gute Nacht, Cincinnatti Kid.”

“Was?”

“Schlaf’ gut.”

Sehen lernen

  • Veröffentlicht am 9th Oktober 2007,
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In den ersten Wochen unseres Studiums an der Kunstschule Alsterdamm Hamburg sassen wir Erstsemestler leicht verschüchtert nachmittags in einem lichtdurchfluteten Raum in der Ferdinandstraße und blickten ehrfürchtig auf die Wände, an denen klassische Plakate der besten Vertreter der Gebrauchsgrafik – teils Alumni der Schule – hingen. Der Gründer und Direktor der Schule, Gerd F. Setzke, berüchtigt fuer seine nichtvorhandene Geduld mit unaufmerksamen Schülern (die er gerne mal mit Kreide oder Schlüsselbund bewarf) kam eines Nachmittags herein und wies uns an, mit den Studenten des Semesters im Raum über uns umgehend die Plätze zu tauschen. Verwundert klemmten wir uns unsere Reissbretter und Stifte unter die Arme und gingen klopfenden Herzens die Treppe hinauf. Die ratlosen Blicke der uns entgegenkommenden Zweitsemestler spendeten auch nur wenig Trost.

„Ihr habt nun zwei Wochen lang jeden Tag auf Plakate geschaut. Zeichnet aus dem Gedächtnis und so detailgenau wie möglich in der korrekten Reihenfolge von links nach rechts, was im Stockwerk unter uns in Eurem Raum an den Wänden hängt. Ihr habt eine Stunde Zeit.“

Um es kurz zu machen: Nicht einer unter uns hatte mehr als drei Richtige vorzuweisen. Setzkes verächtliches „Und Ihr wollt Grafikdesigner werden? Wie denn, ohne aufmerksamen Blick für Eure Umgebung?!” hallt noch heute, knapp achtzehn Jahre später, in meinen Ohren.

You see these logos almost every day, right? – Let’ s see how well you remember them.

Mein Score beim ersten Mal: 00:49:25. Cnet.com und Netflix waren mir nicht so geläufig und haben mich Punktabzüge gekostet. Aber ich bin recht zufrieden, die Lektion wurde gut gelernt.

Krank und cranky

  • Veröffentlicht am 3rd Oktober 2007,
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Feststellungen des Tages:

  • Fieber nervt. Außerdem nervt es, alle paar Stunden eine neue Waschmaschine mit durchgeschwitzter Bettwäsche und Pyjamas laufen zu lassen. Vor allem, wenn man nur sechs Sätze Bettwäsche zum Wechseln hat. (Memo to self: Ab in diesen schönen Wäscheladen im Kaufmannshof, sobald\’s dir besser geht.)
  • Was so richtig nervt ist auch, im Bett liegen zu müssen während draußen allerfeinstes Golfwetter ist. Nur noch zu toppen durch bei allerfeinstem Golfwetter krank im Bett zu liegen, während man Urlaub hat. Gna.
  • Es gibt definitiv keine Nasenfreundlichen Papiertaschentücher. Jedes ist kaum besser als Schmirgelpapier. Besonders fies sind diese Kleenex Balsam, die in der Mitte glatter und seidenweicher als ein Babypopo sind und einem dann – pow! – die Nase wegätzen mit ihrem reibeisenartigen Rand. Welcher Sadist hat diese Dinger bitte entworfen? Meine Nase fühlt sich an, als wäre ich mit Mike Tyson über drei Runden gegangen.
  • Nasensprays sind eine Erfindung des Teufels. Oder der Teufel hat in meins ein bisschen Salzsäure gemischt.
  • Heiß duschen bei 39° Fieber ist geil. Der Kopf weiß, daß man – hätte man kein Fieber – eigentlich vom Schmerzfaktor her unter der Decke wäre, kurz vor Verbrennungen dritten Grades stünde und den Einhandmischer im Leben noch nicht so weit nach links bewegt hat. Aber es fühlt sich de facto nur an wie ein lauer Sommerregen auf der Haut.
  • Aufzuwachen, weil einem alles weh tut und vor lauter Erschöpfung nicht wieder  einschlafen können ist auch mal eine originelle Erfahrung.
  • Aus reiner Langeweile mit meinem unsichtbaren Spielkameraden auf den Ausgang des Fiebermessens wetten. “Einen Zehner, daß es jetzt mehr als 39 sind.” – “Topp!” – “Du hast gemogelt!” – “Wie denn, bitte?” – “Du hast das Thermometer in Eiswasser gehalten und vertauscht.” – “Du phantasierst.” – “Stimmt.” – “38,8. Einen Zehner, bitte.” – “Fuck you!” – “Gesundheit!”