Wer in einem großen Sporthaus in der Mönckebergstrasse durch die Golfabteilung schlendert, findet nicht nur zu ich-fall-in-Ohnmacht-Preisen angepriesene unfassbare Klamotten, mit denen man für die nächste Karnevalsaison optimal gerüstet wäre. Mit etwas Glück wird man auch Zeuge eines Verkaufsgesprächs zwischen einem jungen, dynamischen Golfsportartikelverkäufer und seinem potentiellen Opfer. Dieses schleicht behutsam um den Ständer mit den Hybrid-Schlägern, vergleicht Gradzahlen, Markennamen und markige Werbesprüche (flexible Schläge mit traumhaftem Bodenkontakt selbst bei schlimmsten Balllagen) und strahlt rundherum mehr Hilflosigkeit aus, als vermutlich Eisbärbaby Knut(sch) in seinen ersten Stunden.

Hybrid-Schlaeger sind ein Kompromiss zwischen den für die meisten Golfer schwierig zu spielenden langen Eisen (2, 3, 4, manchmal sogar 5) und den Fairway-Hölzern. Sie werden auch Rescue-Schläger, also Rettungs-Schläer genannt; vorgeblich, weil sie den Score auch noch aus aussichtslosen Lagen und dem Rough retten helfen sollen. In mir keimt allerdings mehr der Verdacht, dass sie die Golfschlägerindustrie retten sollen. Schon vor zwanzig Jahren steckten die ersten Rescues unter dem Namen „Ginty“ in den Bags der Verzweifelten, die ihren Schwung verloren hatten, und statt zu üben oder dem Pro fünfzig DM in den Rachen zu werfen lieber 250 DM für diese magischen Zauberstäbe hinblätterten. Das Image der Warmduscherschläger wurden sie jedoch nicht so recht los, so daß der Hype rasch eines natürlichen Todes starb und die Dinger schnell und unauffällig wieder aus den Bags flogen. Wer Rescues kauft, ist auch ein potentieller AbFlex Benutzer, hat vermutlich eine Zählkette am Golfbag und ein lustiges Plüschtier auf dem Driver, trägt karierte Hosen und benutzt einen Chipper. Aber ich schweife ab. Die Nicht-Golfer unter meinen Lesern haben jetzt bereits vermutlich glasige Augen. Ihr seid entschuldigt und dürft diesen Beitrag überspringen.

Vor ein paar Jahren dann gewann ein drittklassiger US Profigolfer, der bis dato nicht weiter aufgefallen war und höchstens mal auf der Asian Tour punkten konnte (der Waldorfschule des Profi-Golfs) die Open, das älteste Golfturnier der Welt und das prestigeträchtigste der vier Major Turniere. Todd Hamilton benutzte sehr effektiv einen Rescue-Schläger um sich den Claret Jug und knapp 700.000 Pfund zu holen und plötzlich waren die Dinger nicht mehr peinlich sondern hip und fanden reissenden Absatz, auch bei anderen drittklassigen Pros. Hamilton ist seitdem wieder in der Versenkung verschwunden (aktuell Rang 720 der PGA Weltrangliste), aber die Rescues bleiben uns diesmal erhalten, wie’s aussieht.

Doch zurueck zum Ausgangsort: „Ich sehe, Sie möchten etwas für Ihren Spielspaß tun“ lächelt der Verkäufer und zwinkert dem irritierten Opfer, einem etwa fünfzigjährigen Plattfüssler mit rotem Kopf und Bierbauch, verschwörerisch zu. Er fischt gekonnt einen Schläger aus dem Display und hält ihn dem Mann unter die Nase. Ich beobachte die Szene aus den Augenwinkeln, während ich so angeregt wie fassungslos den Preis für ein Dutzend Titleist Pro V1 studiere.

„Hiermit gehören getoppte oder zu fette Schläge der Vergangenheit an. Der ist brandneu, gerade reingekommen. Probieren Sie mal!“ Der Verkäufer drückt dem Opfer den Schläger in die Hand und schiebt ihn sanft aber bestimmt in Richtung des Simulators. Das Opfer wirft einen Blick auf das Preisschild und erbleicht.

„Äh, nein, danke, ich wollte mich nur mal umschauen.“ Der Schläger wird mit leichtem Bedauern zurück ins Display gestopft. Doch so leicht gibt der Verkäufer nicht auf. „Sie werden sehen, Ihr Handicap faellt in Nullkommanix ins Bodenlose! Bald sind Sie Singlehandicapper.“ Er zwinkert wieder.

Das ist der Schubs für das wackelige Ego des Opfers. Es nimmt den Schläger wieder in die Hand, wackelt ihn ein paar Male unsicher hin und her und zögert: „Ich weiss ja nicht…“.

Jetzt fällt das Stichwort, auf das ich die ganze Zeit schon gewartet habe: „Einen so fehlerverzeihenden Schläger haben Sie noch nie gespielt!“ Der Verkaeufer lächelt aufmunternd. Das Opfer überlegt für jeden deutlich sichtbar: Ich krebse jetzt schon zwei Jahre auf Handicap 34 herum, sooo teuer ist der gar nicht, ich gehe ja auch nie zum Pro, das spart ja auch Geld – alle haben so ein Ding, damit gehört der nächste Monatsbecher mir, man gönnt sich ja sonst nichts, und so weiter, und so fort.

Ich kämpfe derweil mit Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern. Soll ich eingreifen und dem armen Kerl klarmachen, dass das alles Bullshit ist und er seine Kohle lieber in Unterrichtsstunden investieren sollte? Und wenn er unbedingt so ein Teil haben will, dann sollte er es woanders kaufen, übers Internet, denn hier zahlt er Apothekenpreise? Teufelchen gewinnt; ich widme mich wieder den Bällen. Hmm, die NXT Tour werden ja gerade ziemlich verschleudert…

„Ja, äh, welchen Schläger soll ich denn jetzt dafür zuhause lassen?”

„Dieser hier hat einen Loft von 23° und ersetzt das Eisen 3. Das können Sie jetzt getrost aus dem Bag nehmen.”

„Aber ich habe gar kein Eisen 3?”

Der Verkäufer gerät nicht eine Sekunde aus dem Takt: „Dann haben Sie mit Sicherheit eine klaffende Lücke zwischen Ihrem Holz 5 und Ihrem Eisen 4. Die schliesst der Hybrid optimal.”

„Ah ja.” Das Opfer schaut leicht verwirrt und schweigt. Ich könnte wetten, dass es auch kein Eisen 4 hat und sein Holz 5 höchstens vom Tee halbwegs trifft. An Sonntagen. In Schaltjahren. In Monaten, die nicht auf  ‘r’ enden.

„Kann ich den doch mal ausprobieren?” Bingo. Die zwei traben ab zum Simulator. Nach drei hilflosen Schwüngen, die aussehen als hätte jemand in ein Hornissennest gegriffen, ist für jeden offenbar: Dieser Mann ist Bewegungslegastheniker und wird in diesem Leben keinen verlässlichen und reproduzierbaren Schwung mehr haben. Er braucht alle Hilfe die er kriegen kann.

Diese kommt unerwarteterweise in Gestalt einer Frau. Seiner Frau. „Jetzt sag’ nicht, du willst dir schon wieder neue Schlaeger kaufen!”  Sie rollt mit den Augen und funkelt den Verkäufer an. „Was soll das Teil kosten? 230 Euro? Du hast doch nicht mehr alle beieinander! Das hat doch Dein ganzer Satz nicht gekostet!” Er zuckt zusammen, will sich aber nicht so leicht geschlagen geben. „Aber schau doch mal, an der elf käme ich dann endlich über den Teich…” Weiter kommt er nicht. Sie wirft ihm einen Blick zu, der frische Milch gerinnen liesse. „Fuer wen hältst du dich, für Tiger Woods? Der Pro hat gesagt, du sollst vorlegen. Wenn ich nur daran denke, wie viele Bälle du da schon versenkt hast!” Sie schnaubt.

Er legt den Schläger widerstrebend zurück. Der Verkäufer hat sich unauffällig zurückgezogen und sortiert drei Regale weiter Handschuhe, als hätte er überhaupt nichts mit der Szene zu tun. Die Gelegenheit ist vorbei, doch das nächste Opfer kommt bestimmt. Er wirft mir einen prüfenden Blick zu und zögert kurz. Ich bedenke ihn mit meinem schönsten quatsch-mich-an-und-du-stirbst-Funkeln und ziehe mit meinen Titleists zur Kasse. Von einem Singlehandicap bin ich weit entfernt, aber wenigstens bin ich Single.