Munich

  • Veröffentlicht am 17th Juni 2006,
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Munich ab 3. August 2006 auf DVD
R: Steven Spielberg
D: Eric Bana, Geoffrey Rush, Daniel Craig
Offizielle deutsche Website

Sind Filme Spiegel unser selbst? Und wenn ja, was sehen wir in ihnen?
Eine meiner frühesten TV-Erinnerungen ist das Bild eines maskierten Mannes auf einem Balkon des olympischen Dorfs. Ich verstand nicht, was dort vor sich ging und was der Fernsehreporter erzaehlte. Sportler als Geiseln, genommen von Angehörigen eines Staates, den es gar nicht gab? Wozu sollte das gut sein? Ich verstand es weder auf emotionaler noch auf rationaler Ebene. Und ich verstehe es natürlich auch heute noch nicht, vielleicht aber begreife ich langsam, dass es da nichts zu verstehen gibt.

Steven Spielberg hat der Welt viele schöne, lustige, spannende und unterhaltende Filme geschenkt. Und dann noch Schindler’s List und Saving Private Ryan. (no comment)
Zuletzt spaltete er die Kritiker mit seiner Adaption des H.G. Wells Klassikers War Of The Worlds, der mich zumindest nicht zuletzt dank mangelnder Glaubwürdigkeit der Figur Tom Cruises unterwältigte, wie man so schön sagt. Und die Aliens haette man auch nicht unbedingt sehen müssen; weniger ist oft mehr. Dennoch ist die alles andere als subtile Anspielung auf unser Zusammenleben mit dem Feind in unserer Mitte gut angekommen und wusste streckenweise auch zu unterhalten.

Mit Munich kehrt Spielberg nun der Unterhaltung den Rücken und konzentriert sich ganz auf die Frage, was Gewalt uns antut. Zum einen uns Opfern, zum anderen uns Tätern, denn selten sind wir nur eins von beiden. Und wenn ich sage er konzentriert sich auf die Frage, dann ist das genau so zu verstehen: Spielberg liefert keine Antworten, denn es gibt keine, ausser in uns selbst. Das banale Fazit lautet: Gewalt ist keine Lösung, Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Spielberg ist bekannt dafuer, keine DVD-Audiokommentare zu seinen Filmen abzugeben, und auch hier bricht er nicht mit dieser Regel. Immerhin weist er in seiner kurzen Einführung darauf hin, dass George Jonas‘ Buch Vengeance – The True Story Of An Israeli Counter-Terrorist Team, auf dem der Film beruht, zwar unendlich angefeindet, jedoch nie als unwahr diskreditiert wurde. Munich soll und kann keine Dokumentation sein, wie authentisch die Darstellung der Ereignisse wohl ist, das zu beurteilen bleibt jedem selbst überlassen.

An einem Septembermorgen 1972 überwaeltigen und entführen palästinensische Terroristen der Gruppe Schwarzer September elf Angehörige des israelischen Olympiateams im olympischen Dorf in München. Zwei Geiseln werden umgehend tödlich verletzt. Bei einem hastigen und unprofessionellen Einsatz der deutschen Polizei auf dem Flughafen Fuürstenfeldbruck sterben die verbliebenen Geiseln, fünf der Terroristen, sowie ein Polizist. Die olympischen Spiele gehen zunächst wie geplant weiter und werden erst nach Protesten von Sportlern und Zuschauern für einen Tag unterbrochen.
Golda Meir (Lynn Cohen) beschliesst, Härte zu demonstrieren: Every civilization finds it necessary to negotiate compromises of its own values sagt sie, und Forget peace for now. We have to show them we’re strong. Eine geheime Kommandotruppe unter Leitung ihres ehemaligen Bodyguards und jetzigen Schreibtischhengstes Avner (Eric Bana in einer wie immer exzellenten Performance) entsteht, und ihr Auftrag lautet, die für das Münchner Massaker verantwortlichen palästinensischen Terroristen aufzuspüren und zu töten. Hierfür stehen ihnen fast unbegrenzte Mittel aus schwarzen Kassen zur Verfuegung; die Agenten fallen komplett vom Radarschirm des Mossad und sind auf keiner Gehaltsliste mehr verzeichnet. Sie sind de facto nonexistent und ihre einzige Verbindungsperson ist ein zwielichter Typ namens Ephraim (Geoffrey Rush, ebenfalls superb), der ihnen die ersten Ziele vorgibt.

Die kleine Gruppe beschnuppert sich und kommt sich näher. Keiner von ihnen macht den Eindruck eines professionellen Agenten oder gar Killers. Und keiner von ihnen fühlt sich wirklich wohl in der Rolle des Racheengels, mit Ausnahme vielleicht von Südafrikaner Steve (Daniel Craig), der blond und blauäugig kaum arischer aussehen koennte und der Über-Jude ist: The only blood I care about is Jewish blood. Er wundert sich laut und offen, warum ausgerechnet Avner zum Kopf des Teams ernannt wurde, und ein anderer entschärft lachend die Situation: Because he can cook a mean brisket. Tatsächlich scheint der frischgebackene Familienvater und Patriot Avner, dessen Kind zur Welt kommt während er undercover ist, mehr die Mutter der Kompanie zu sein als ihr harter Anführer. Er hält die Truppe auch mit seinen Kochkünsten und gemeinsamen Essen bei Laune und bei einem solchen Mahl feiern sie ausgelassen ihren ersten gemeinsamen erfolgreichen Mord.

Ein Gebot der kosheren Kueche lautet, fleischiges und milchiges nicht gemeinsam zu essen oder im selben Topf zu kochen. Im Talmud heisst es dazu du sollst das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen und so zuckt man unwillkürlich zusammen, wenn ein Opfer von den Kugeln Avners tödlich getroffen zusammenbricht, seine Einkaufstüte mit der Milchflasche fallenlässt und sich sein Blut mit der auslaufenden Milch vermischt. Solch symbolschwangere Bilder gibt es viele in Spielbergs Film, und nicht alle sind so plakativ und offensichtlich.

Durch einen Zufall kommt es zu einer Unterhaltung zwischen Avner und einem palästinensischen Terroristen, der Avner für einen befreundeten ETA-Terroristen hält. Avner fragt neugierig und stellvertretend für das Publikum, ob sich der Kampf für ein Stück steinige Wüste denn wirklich lohne. Die Antwort mag das Publikum vielleicht nicht vollends überzeugen, doch Avner trifft sie mitten ins Herz: Die Heimat, so steinig sie aussehen mag, lohnt jedes Opfer, jeden Kampf – selbst wenn er über Generationen andauern mag.

Die zunehmenden Erfolge verändern die Männer nachhaltig, aber der Jubel wird leiser und die Gewissensfragen häufen sich. Insbesondere Avner fragt sich immer lauter, zu was das Morden denn gut sein soll. Und als die Mitglieder der Gruppe selbst einer nach dem anderen zu Opfern werden, flüchtet Avner immer tiefer in seine Paranoia und kehrt Israel und dem Mossad den Rücken. Sein Patriotismus weicht den Fragen nach der ethischen und moralischen Rechtfertigung seiner Taten, die er nicht zu beantworten vermag, genauso wenig wie Spielberg und wir. Kann man den Terror mit Terror besiegen? Und wie hoch darf der Preis der Rache sein?

Mit Munich liefert Spielberg seinen vielleicht erwachsensten Film ab, auf jeden Fall einen Film, der noch lange nachwirkt. Doch nicht nur seine erzählerische und handwerkliche Routine sorgt für das erstklassige Gesamtergebnis, auch das seiner langjährigen Mitarbeiter, allen voran seines Director of Photography, Janus Kaminski. Der deutsche Begriff Kameramann ist doch eine äusserst unzulängliche und irreführende Bezeichnung für das, was Kaminski da mit Licht zaubert. Während die Entscheidung, Schindler‘s List in s/w zu drehen sehr leicht fiel, da dort ziemlich eindeutig war wo gut und böse lagen, musste bei Munich die moralische Ambivalenz auch farblich eingefangen werden. Zu keiner Zeit hat der Zuschauer das Gefühl, einem Kostümfilm beizuwohnen – was schnell hätte passieren können, wenn man allein auf die Ausstattung vertraut hätte, die vielen von uns noch mehr oder weniger aus den eigenen Familienfotoalben vertraut ist.

Fahrradfahren

  • Veröffentlicht am 17th Juni 2006,
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Schon wieder Sonnabend mittag und ich hab’ das Brot vergessen. Kamps ist zwar nur zwei Minuten zu Fuss, kann aber bekanntlich nicht backen und daher muss ich ein Backhus aufstöbern, oder besser noch mal eben zum Markt. Obwohl ich ja erklärter Autofahrer aus Überzeugung bin, kommt es mir doch etwas blöd vor, für die paar Meter das Auto zu nehmen (und ausserdem bekäme ich dort eh keinen Parkplatz und mein jetziger hier vor der Haustür wäre anschliessend auch weg). Also in den Keller klettern, zwischen all den Golfbags das Rad rauszerren und die Kellertreppe hochwuchten, dabei fällt mir das Handy runter und die Nase läuft auch wie Sau. Scheisserkältung. Da das Mistrad keinen Kettenschutz hat, habe ich mir unlängst schon eine meiner Lieblingshosen für immer versaut, also sitze ich wie der Affe auf dem Schleifstein und halte mein rechtes Hosenbein so weit wie möglich von den ölig lächelnden Zahnkränzen weg. Die wissen genau: Es ist nur eine Frage der Zeit bis meine Wachsamkeit nachlässt und sie ihre Chance auf eine frische Jeans kriegen.

Hinten ist mal wieder die Luft raus, ist ja klar, wenn man nur alle Jubeljahre mal fährt. Also eingeschwenkt zu Richter, deren Luftpumpe kurz akquiriert und mit den Rennpneus gekämpft. Meine Hände sehen schon nach wenigen Minuten aus als hätte ich die letzte Woche bei Ford am Fliessband gestanden. Irgendwo ist die versteckte Kamera, ich finde sie schon noch.

Der Markt packt sich gerade ein, rückt aber gnädig noch ein Brot raus. Ich fahre nach Hause, wenn’’s läuft ist’s ja ganz schön, das Wetter ist auch OK, nicht so heiss. Schwups, schon bin ich wieder zuhause. Alles retour und oben angekommen sehe ich es: Das breite Grinsen des Zahnradabdrucks auf meiner Jeans. Gotcha!

Die 3 Tage des Condor

  • Veröffentlicht am 6th Juni 2006,
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The 3 Days of the Condor
R: Sidney Pollack
D: Robert Redford, Faye Dunaway, Max v. Sydow

Am Ende schaut uns Robert Redford an, zweifelnd, fragend und etwas furchtsam: Haben wir auch alles mitgekriegt? Wissen wir jetzt, was auf dem Spiel steht? Fuer ihn selbst – oder genauer gesagt Joe Turner, den Agenten mit Decknamen Condor‘, den er verkoerpert – scheint kaum noch Hoffnung zu bestehen. Er wird sein Leben lang auf der Flucht sein und bei den maechtigen Gegnern die er hat, wird diese Flucht wohl nicht lange dauern.

Redford spielt einen Buecherwurm in den Diensten der CIA, der eines Tages mittags zu Tisch geht und bei seiner Rueckkehr saemtliche Kollegen im Buero ermordet vorfindet. Er nimmt Kontakt zu den einzigen Menschen auf, die er in New York kennt, seinen Vorgesetzen. Von nun an wird er als Hauptverdaechtiger gejagt, waehrend er eine Verschwoerung in den Reihen der CIA aufdeckt.

Bei Licht betrachtet ist die Story recht konventionell und folgt Hitchcocks sattsam bekannten Thema „ein gewoehnlicher Mann in einer ungewoehnlichen Situation“. Nur dass der Zuschauer hier – anders als bei Hitchcock – genauso im dunkeln tappt wie Redfords Figur.

Aus heutiger Sicht erscheint die Aufloesung geradezu prophetisch, zumindest sehr bekannt und plausibel. Was passiert, wenn eine kleine einflussreiche Gruppe Industrieller und privater machtgieriger Interessenten eine geheime Organisation gruendet und die Regierung de facto aushebelt, bzw. hinter ihrem Ruecken die Dinge in die Hand nimmt? Heute, zahlreiche Oliver Stone Filme und Michael Moore Veroeffentlichungen spaeter, sind wir vielleicht schon fast gelangweilt ob solcher Diskussionen. 1975 waren das nationale Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigene Regierung in den USA auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Watergate war noch allen taufrisch im Gedaechtnis, Praesident Nixon war gerade erst zurueckgetreten und die CIA war in Erklaerungsnot ob ihrer frisch aufgeflogenen illegalen Operationen in Suedostasien. Dass die Boesen in der eigenen Regierung sassen, konnten nicht einmal die konservativsten Republikaner als linke Verschwoerungstheorie abtun; es war bittere Realitaet, der man ins Auge sehen musste.

Der Film ist mit Sicherheit kein Meisterwerk, er hat einen Haufen Handlungsloecher und Faye Dunaways Figur erwaermt sich fuer meinen Geschmack doch etwas zu fix fuer den Mann, der ihr in ihrer eigenen Wohnung eine Pistole vor die Nase haelt. Robert Redford hin oder her, aber das ist dann doch ein wenig dick aufgetragen. Dennoch ist Three Days Of The Condor ein gelungener Beitrag zum klassischen Paranoia-Kino, in einer Reihe mit Frankenheimers The Manchurian Candidate, Pakulas The Parallax View und Coppoals The Conversation. Und da das Genre ja gerade im dritten Fruehling ist, nicht zuletzt dank Gaghans sehr starkem Beitrag Syriana und dem deutlich schwaecheren aber zumindest zum Nachdenken anregenden V for Vendetta der Wachowski Brueder, lohnt sich das ansehen allemal.

Die Neuauflage der DVD erfreut durch das Original Bildformat 1:2,35, ein restauriertes Bild und guten Ton, und vor allem Sidney Pollacks wie immer unterhaltsamen und interessanten Regiekommentar. (Die Ausgabe der SZ Edition beinhaltet noch die Erstauflage, ohne Regiekommentar und mit nicht restauriertem Bild.)