Ascenseur pour l’ Echafaud

  • Veröffentlicht am 18th Mai 2006,
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Elevator to the Gallows (RC 1) | Fahrstuhl zum Schafott

R: Louis Malle
D: Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Lino Ventura
US Website (Rialto Pictures) | Trailer (QT) | Criterion | | Imdb Eintrag

Criterion ist bekanntlich ein (US) Label, das sich um die Perlen und Monumente der Filmgeschichte gleichermassen liebevoll kuemmert. Als letztes Jahr im Herbst Melvilles Le Samourai in der Criterion Collection erschien, mailte ich einmal mehr ihr Team an und bettelte, ob sie sich nicht Louis Malles legendaeren Debuts, Ascenseur pour l’ echafaud (dt. Fahrstuhl zum Schafott) annehmen wollten, da es weltweit keine einzige DVD dieses film noir Klassikers gab. Anders als in den Jahren zuvor bekam ich diesmal kein lapidares „ist zur Zeit nicht geplant“ sondern ein geheimnisvolles „Wir bringen naechstes Jahr eine Reihe von Louis Malles Filmen heraus.“ Und so nahm ich also unlaengst freudestrahlend meinem Paketboten die DVD aus den Haenden.

Der Inhalt des Films ist rasch erzaehlt: Julien (Maurice Ronet) hat eine Affaere mit Florence (Jeanne Moreau), die ihn dazu bringt ihren Mann zu toeten. Er veruebt den fast perfekten Mord, aber vergisst das entscheidende Beweisstueck am Tatort. Nachdem er rechtzeitig zurueckgeeilt ist und es entfernt hat, bleibt er im Fahrstuhl des Gebaeudes stecken und kann nicht rechtzeitig am verabredeten Treffpunkt sein. Waehrenddessen wandert Florence ziellos und immer verzweifelter durch das naechtliche Paris, sicher, dass Julien sie verlassen hat… Ascenseur pour l’ Echafaud ist wohl einer der bekanntesten Filme der nouvelle vague, der franzoesischen Neuen Welle, die in den 50er Jahren mit Werken wie Melvilles Bob Le Flambeur, Truffauts Jules et Jim oder Godards A bout de souffle das oft sirupartig zaehe und suesse Hollywoodkino eiskalt mit frischen Erzaehlstilen, unbekannten Darstellern und neuen Filmtechniken abseits der Studios uebergoss. Malle war allerdings alles andere als ein Anhaenger einer bestimmten Schule oder gar Teil der Szene um die Cahiers du Cinema Clique, in der sich Chabrol, Godard,Truffaut tummelten. (Tatsaechlich hat Malle das noir Genre auch spaeter nicht mehr aufgesucht und Ascenseur blieb sein einziger Film dieser Art, thematisch wie stilistisch.) Immerhin kann man Ascenseur wohl als Vorreiter oder erstes Produkt der nouvelle vague ansehen, Malle „war als erster aus den Startloechern“ wie sein Bruder Vincent in einem Interview mit dem FLM Magazin 2005 sagte. „Truffaut drehte seinen ersten Spielfilm neun Monate nach Louis.“

Louis Malle war gerade mal 26 Jahre alt als er sein spannendes Debut drehte, und hatte zuvor fuer den Unterwasserforscher Jaques Cousteau als Unterwasserkameramann an der Dokumentation Le Monde du silence (1956) gearbeitet. Jeanne Moreau hatte sich zu dieser Zeit bereits einen respektablen Namen als Buehnenschauspielerin gemacht. Malles Regie und seine Art, Moreau weitgehend mittels natuerlicher Beleuchtung, z.B. durch Strassenlaternen in Szene zu setzen, liess sie im wahrsten Sinne des Wortes in einem ganz neuen Licht erscheinen. Doch der eigentliche Clou war, dass der unbekannte junge Franzose Miles Davis fuer den Soundtrack gewinnen konnte. Malle zeigte ihm den Rohschnitt des Films nur zweimal, und Davis improvisierte den Score in einer Nacht live zu den Bildern, die er sah. Dabei unterstrich die Musik nicht wie sonst ueblich die Kameraarbeit, sondern bildete eher eine Kontrapunkt zu ihr. Das Ergebnis bestimmte massgeblich die duester-melancholische und oft kalte Atmosphaere des Films.

Criterion praesentiert den hervorragenden DVD Transfer vom feinkoernigen 35mm Originalprint im urspruenglichen Seitenverhaeltnis von 1.66:1. Schmutz, Fusseln und Kratzer wurden digital mittels des MTI Digital Restauration Systems entfernt. Fuer die bestmoegliche Qualitaet der dual-layer DVD-9 wurde die hoechstmoegliche Bitrate gewaehlt. Die Tonspur wurde bei 24-bit vom 35mm Optical print digitalisiert und ebenfalls gesaeubert, so dass Knacksen, Rauschen und Knistern auf ein Minimum reduziert ist.

Die Extras: Auf der ersten der beiden Scheiben befindet sich ausser den Trailern der restaurierte Film im franzoesischen Originalton, mit neuen und verbesserten englischen Untertiteln. Auf Disc 2 finden sich:

  • ein neues Interview mit Jeanne Moreau
  • Historische Interviews mit Regisseur Louis Malle, den Schauspielern Maurice Ronet und Jeanne Moreau sowie dem Pianisten der Soundtrack Session, René Urtreger
  • Filmaufnahmen von Miles Davis und Louis Malle waehrend der Einspielung des Soundtracks
  • ein neuer Beitrag ueber den Score, mit Jazztrompeter Jon Faddis und dem Kritiker Gary Giddins
  • Malles Studentenfilm Crazeologie mit einem Titelsong von Charlie Parker

Zusaetzlich liegt dem Film noch ein sehr ausfuehrliches Booklet mit einem neuen Essay des Filmkritikers Terrence Rafferty, einem Interview mit Louis Malle und einem Beitrag von Filmproduzent Vincent Malle.

Noch ein Wort zum Schluss: Diese DVD ist fuer den US-amerikanischen und kanadischen Markt RC1 codiert und benoetigt daher in den meisten anderen Laendern der Welt einen sogenannten codefree Player. (Das Thema Regionalcodes wird auf dieser Seite sehr anschaulich und ausfuehrlich erklaert). Auf einem bei uns ueblichen RC 2 Player wird sie also nicht laufen. Wer keinen codefree Player hat, dem empfehle ich die franzoesische Version des Films, erhaeltlich z.B. ueber Amazon.fr. (in der limitierten Fassung inklusive der Soundtrack CD). Zum Umfang und zur Qualitaet von Bild und Ton der frazoesischen Ausgabe kann ich jedoch leider an dieser Stelle nicht viel sagen. Die Criterion Ausgabe ist in Europa z.B. ueber cd-wow.net erhaeltlich.